Golden Dragon Cup

Golden Dragon Cup Michael Kruckenhauser in Aktion beim Pointfighting Grandchampionship.

Wie schon im Vorjahr (1993), war auch dieses Mal (1994) das bekannte italienische Touristenziel an der Adria, Rimini, wieder Austragungsort des mit bis zu 5.000 DM höchstdotiertesten Turniers Europas, dem „Golden Dragon Cup“. Dieses Mega-Ereignis in Sachen Kampfsport fiel besonders durch die Vielfältigkeit der ausgetragenen Kampfkünste, als auch durch die medien-wirksame Aufmachung der gesamten Veranstaltung auf. Der Einladung der Veranstalter waren mehr als 500 Teilnehmer aus allen Teilen Europas gefolgt, die in den verschiedenen Sparten, wie z.B. Shootboxing, Semikontakt oder Ju-Jutsu verbissen um den Sieg und die hohen Preisgelder kämpften.

Golden Dragon Cup
Michael Kruckenhauser in Aktion beim Pointfighting Grandchampionship.

Spektakel „Shootboxing“: Das 2-Tage-Event war hauptsächlich von den knallharten Fights im achteckigen Dschungel des Shootboxing-Rings geprägt. Alter und Geschlecht machten hier keinen Unterschied. Egal, ob 14-jähriges Mädchen oder durchtrainierter Athlet, gekämpft wurde mit allen Mitteln. Das zahlreich erschienene Publikum wußte dies natürlich auch und war zu nicht geringem Anteil gekommen, um Blut fließen zu sehen. So wurde jede halbwegs spektakuläre Technik, die dem Gegner Schaden zufügte, mit tosendem Applaus honoriert. Durch die erlaubten Lowkicks, Würfe und Elbogentechniken war dies öfter der Fall als so manchem Kämpfer lieb gewesen wäre. Was das Blut anging, so kam das Publikum, welches es darauf abgesehen hatte, voll auf seine Kosten. Es verging kein Kampf ohne die eine oder andere größere oder kleinere Wunde. Die Kampfstile der Teilnehmer waren sehr unterschiedlich. Nur bei genauerem Hinsehen konnte man Hintergründe aus dem Thai-Boxen, Savate und Vollkontakt-Kickboxen ausmachen, wobei aber größtenteils nur die reine Lust am Schlagen und Treten überwog, was man durchaus wörtlich nehmen konnte, da alle Kämpfe technisch sehr zu wünschen übrig ließen und man sich nur auf Kraft und Brutalität verließ! Ganz anders war es hingegen beim Semikontakt-Kickboxen. Die 24 Teilnehmer dieses Mini-Turniers gehörten zur Kickbox-Elite Europas und waren aus allen umliegenden Ländern angereist, um sich den Grandchampion-Titel und das Preisgeld zu erkämpfen. Überwiegend waren es Kämpfer der WAKO, wie Lajos Hugyetz (Ungarn), Marko Ferrarese (Italien) oder Michael Kruckenhauser (Österreich), aber auch Top-Kämpfer der ISKA und WKA, die spannungsgeladene Kämpfe garantierten. Schon in der ersten Runde war klar, daß die WAKO-Kämpfer ihre Dominanz ausspielen würden, und so wurden fast alle Kämpfer aus anderen Verbänden in dieser Runde eliminiert. Einzig der Schweizer Paradekämpfer der ISKA F. Motamba, machte mit einer großartigen Leistung auf sich aufmerksam als er bis ins Halbfinale vordrang, für das sich zuvor schon Marco Ferrarese, Lajos Hugyetz und der Süditaliener Bruno Manca qualifizieren konnten.

Finale in Galaform: Diese Begegnungen wurden dann erst bei der Abendveranstaltung ausgetragen, die mit einem hervorragenden Rahmenprogramm aufwarten konnte und so zu einem Erlebnis der besonderen Art für die 2.500 Zuseher im Sportpalast von Rimini wurde. Nach Kämpfen im Shoot-Boxing sowie Tanz und Wu-Shu Darbietungen war es dann soweit, und die letzten 4 Teilnehmer der Finalrunde des Golden Dragon Cup im Semikontakt betraten die Halle. Unterstützt mit fetziger Rockmusik wurden die ersten beiden, durch Los bestimmten Kämpfer vorgestellt. Es waren der 4-fache Weltmeister Lajos Hugyetz und der international sehr erfolgreiche Motamba aus der Schweiz. Nach anfänglichem gegenseitigen Abtasten ging es dann richtig zur Sache, und die Punkte wurden rasend schnell vergeben. Überraschenderweise konnte der Schweizer mit seiner Körpergröße von 190 cm und einem Gewicht von 90 kg dem Ungarn gut Paroli bieten und lag manchmal sogar in Führung, was den Kampfverlauf um so spannender machte. Durch die extra für dieses Turnier eingeführte Regelung, daß ein Kampf nur mit 2 Punkten Unterschied gewonnen werden konnte, ging dieser Kampf in die Verlängerung, in welcher der Schweizer 15 Sekunden vor Schluß noch mit einem Punkt führte. Nun war es aber die Routine und die absolute Ruhe, die Hugyetz zeigte, um diesen Kampf noch herumzureißen. Mit einer Geraden zum Kopf brachte er es zum, Gleichstand. Kurz vor Schluß ließ er einen Bilderbuch Hook-Kick zum Kopf folgen, der ihm den endgültigen Sieg einbrachte. Im zweiten Halbfinale standen sich die beiden Italiener Marco Ferrarese und Bruno Manca gegenüber, welche sich schon aus gemeinsamen Auftritten mit dem italienischen Nationalteam kannten, und so wurde dieser Kampf weniger durch Aggressivität als durch Technik bestimmt. So wogte der Kampf ausgeglichen über die 2 x 2 Minuten dahin, und nur Ferrareses spektakulärem Kampfstil war es zu verdanken, daß sich die Zuschauer nicht langweilten. Dieser Vorteil war es auch, der Ferrarese den Sieg und somit den Einzug ins Finale brachte. Der Kampf um den dritten Platz war eher mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen zu betrachten, da das Bild, das sich hier bot, dies durchaus rechtfertigte. Gegenüber standen sich der 155 cm große und 56 kg schwere Bruno Manca und der 190 cm große und 90 kg schwere Motamba. Der Schweizer, der fairerweise den Kampf nicht bestreiten wollte, wurde aber von der Turnierleitung trotzdem dazu aufgefordert, den Kampf fortzusetzen. Man muß sagen, daß sich Motamba sehr zurückhielt und nur in defensiver Stellung kämpfte, was Manca aber nicht störte. Er attackierte ihn in frecher Manier und konnte so auch manche Punkte ergattern.

Portrait: Lady Dragon Cynthia Rothrock

Daß das Ergebnis schlußendlich doch zu Gunsten des Schweizers ausfiel, war zu erwarten. Das Finale dieses Abends war eine Neuauflage des Golden Dragon Cups 1993. Auch diesmal standen sich wieder Lajos Hugyetz und Marco Ferrarese gegenüber. Die beiden, die sich schon öfter im Finale einiger Preisgeldturniere, wie z.B. den Austrian Classic, gegenübersahen, kannten jede Stärke und Schwäche des Gegners, und so war es auch nicht verwunderlich, daß das Kampfgeschehen durch Taktik und Abwarten geprägt wurde und deshalb sehr wenige, aber um so spektakulärere Punkte erzielt wurden Nach der regulären Kampfzeit stand es Unentschieden, und so ging es in die Verlängerung. Aber auch hier wurde kein klares Ergebnis erzielt, und so wurde zum zweiten Mal verlängert. Erst jetzt drehte Hugyetz voll auf und ließ Ferrarese nicht mehr als den Hauch einer Chance, ins Kampfgeschehen zurückzufinden Nach dem Vorjahressieg von Ferrarese war es diesmal der Ungar, der triumphierte und das Preisgeld mit nach Hause nehmen durfte. Neue Auflage geplant: Laut Veranstalter wird der Golden Dragon Cup auch nächstes Jahr wieder stattfinden „und zwar noch größer, noch schöner und mit noch mehr Preisgeldern“, was jedes Kämpferherz höher schlagen läßt
Text & Foto: Rüdiger Miller


Diese Reportage erschien in KICK Ausgabe 09 1994.