Erste Vollkontakt Europameisterschaft 1977

HOHES NIVEAU DER KAMPFE: Europa-Cup-Turnier im Vollkontakt Karate in Rotterdam Die „World All-Style Karate Organisation, W.A.K.O.-Europe”, die neue Weltorganisation für modernes Leicht- und Vollkontakt Karate hat im Mai in Schiedam bei Rotterdam ihr erstes Europa-Cup Turnier durchgeführt. Es war das erste von drei Cup-Turnieren, die für dieses Jahr geplant sind. Sinn dieser Cup-Turniere ist es, genau wie auf deutscher Ebene, den Kämpfern Gelegenheit zu geben, sich durch Turniersieg oder eine gute Plazierung einen Platz in der Rangliste zu erkämpfen. Die Wettkampferfolge aller drei Turniere werden ständig addiert und ergeben jeweils den Stand der Rangliste bzw. den echten Jahresmeister.

Fullcontact 1977

Kampfrichter Geert Lemmens baobachtet die Kaempfer beim der ersten WAKO EM, 1977.

An den Start gingen 66 Kämpfer in den sieben international festgelegten Gewichtsklassen. Es beteiligten sich: Norwegen, Jugoslawien, Belgien, Holland und Deutschland. Die Schweiz konnte diesmal noch keine Kämpfer stellen, da die Eidgenossen erst seit zwei Monaten mit dem Aufbau ihrer Organisation befaßt sind. Es erschien jedoch der Schweizer Repräsentant Jean-Pierre Schuepp aus Zürich. Zum großen Bedauern aller Teilnehmer ist Frankreich mit seinem angekündigten Team nicht erschienen. Denn gerade auf die Mannschaft mit Dominique Valera war man besonders gespannt. So konnte der von allen brennend erwartete Vergleich mit den Franzosen nicht stattfinden. Auch Österreich und England waren nicht anwesend. Aufgrund des Nichterscheinens dieser Mannschaften ist vorgesehen, die Interims-Repräsentanten dieser Länder zu einer Stellungnahme aufzufordern, da sonst Verhandlungen mit anderen Interessen-Vertretern aufgenommen werden. Durch diese Ausfälle wurde die Turniervorbereitung natürlich erheblich gestört. Es ist für einen Veranstalter sicher nicht leicht, in letzter Minute noch umzudisponieren. Doch Jan Willem Stoker aus Rotterdam setzte sich über alle diese Widrigkeiten hinweg und konnte das Turnier doch noch gut über die Runden bringen. Die Halle, in der die Wettkämpfe ausgetragen wurden, war alles andere als eine Sportarena. Es war eher eine Werkshalle, kalt und nüchtern, ohne jede Atmosphäre. Doch als die Kämpfe begannen, war sofort eine gute Atmosphäre vorhanden. Da, wie gesagt, einige Nationen nicht angetreten waren, brachte Holland als Gastgeberland, eine größere Zahl von Kämpfern ins Gefecht. Und die Chakuriki Mannschaft von Thom Harinck aus Amsterdam sorgte von Anfang bis Ende für Bombenstimmung.

Siegerehrung -69 Kg: Ron Kuyt siegt vor Jörg Schmidt. WAKO Europa Präsident Georg F. Brückner und Chakuriki Gründer Thom Harinck gratulieren.

Großer kämpferischer Einsatz
Schon in Hannover waren wir vom kämpferischen Einsatz der Teilnehmer und dem unerwartet hohen Niveau der Kämpfe beeindruckt. Doch dieser erste europäische Kräftevergleich muß noch höher eingestuft werden. Es wurde um jeden Punkt in der Wertung gekämpft. Keine der angetretenen Nationen, die sich alle zum erstenmal auf solchem Parkett bewegten, ließ sich einschüchtern. Mit wenigen Ausnahmen spürte man den absoluten Willen zu gewinnen. Es ist erstaunlich, wieviel überragende Talente auf dem europäischen Kontinent schon jetzt auf sich aufmerksam machen. Wenn diese neue Organisation erst richtig Fuß gefaßt hat, ist es sicher nur noch eine Frage der Zeit, bis Europa den großen Vorsprung der Amerikaner aufgeholt haben wird. Aus allen Teilnehmerländern kamen gute Kämpfer, wie die Ranglisten-Ergebnisse zeigen. Die Deutsche Mannschaft konnte leider nicht in voller Besetzung antreten. So ist es nicht verwunderlich, wenn wir in einigen Gewichtsklassen keine Plazierung unter den Ersten aufzuweisen haben. Die Kämpfe Im Schwergewicht war kein Deutscher am Start. Im Halbschwergewicht lag unsere Hoffnung bei Thomas Born, Werner Kryszweski und Bernd Cissewski. Leider haben wir auf Thomas Born vergeblich gewartet, der in seiner Form gute Chancen auf den Titel gehabt hätte. So konnte sich Kryszewski den 3. Platz und Bernd Cissewki den 5. Platz sichern. Im Mittelgewicht traten Detlef Sobottka und Günter Häuslein an. Sobottka zeigte einen guten Kampf. Er beherrschte seinen Gegner, Jan Scheppers, von Anfang an. Leider fehlten ihm mehrere Fußstöße in beiden Runden, so daß er trotz der besseren Wertung, Punktabzüge erhielt, die ihn um den sonst sicheren Sieg brachten. Häuslein, zur Zeit bei der Bundeswehr, konnte sich nicht so gut vorbereiten, wie er es gern getan hätte. Er verlor nach einem spannenden ersten Kampf das zweite Duell und kam auf den 6. Platz. Im Leichtgewicht startete leider nur der Berliner Konstantin Meinecke. Er lieferte seinen bisher besten Kampf und hätte seinen Gegner Serge Metz, den Sieger dieser Klasse, schlagen können. Mit etwas mehr Selbstvertrauen und Erfahrung wäre er sicher weiter gekommen als auf den 6. Rang. Wie überall auf der Welt sind es auch im Karate die leichteren Leute, die zum Wettkampfsport neigen. Im Leichtgewicht und den darunter liegenden Klassen waren die meisten Kämpfer gestartet. In dieser großen Konkurrenz traten alle drei Erstplazierten der deutschen Rangliste aus Berlin an. Kemal Zeriat fand keine richtige Einstellung zu dem Holländer Stolp, obwohl er unermüdlich den Kampf zu bestimmen suchte. Mit etwas mehr Übersicht und Besonnenheit hätte er sicher gewonnen. So reichte es nicht. Alfred Blum nahm den Kampfstil des Holländers Karakus sofort an. Furiose Situationen eröffneten diese Partie. Nach einem Stoppkommando des Schiedsrichters schlugen beide noch kräftig weiter. Dabei bekam der Deutsche einen Daumen ins Auge und konnte nicht mehr richtig sehen. Nach längerer Unterbrechung und langem Disput wurde der Kampf mit Minuspunkten für beide fortgesetzt, obwohl hier vielleicht eine Disqualifikation angebracht gewesen wäre. Blum war jedoch so in seiner Sicht behindert, daß er aufgeben mußte. Die ganze Hoffnung ruhte nun auf Jörg Schmidt. Schmidt war in sehr guter Form. Der Bänderriß, den er sich vor dem Hannover-Turnier zugezogen hatte, war ausgeheilt. Beherrscht, wie selten, und mit einer Einstellung wie bei seinem Pariser Kampf gegen Isaias Duenas, gewann er überlegen gegen Ekkelboom (Holland), dann gegen Ruiter (Holland), den er sogar am Ende der 2. Runde ausknockte und gegen D. Wip (Holland). Wegen einer starken Gelenkprellung am großen Zeh, er konnte nur noch unter Schmerzen laufen, empfahl ihm der Arzt im letzten Kampf nicht mehr anzutreten. Sein 2. Platz dürfte für die weiteren Turniere jedoch eine gute Ausgangsposition sein.

Der Schweizer Kampfrichter Jean-Pierre Schupp ueberreicht einen Pokal an einen Hollaendischen Fighter.

Im Superleichtgewicht traten Rafik Jamali und Hansi Jaensch aus Berlin sowie Martin Giesselmann aus Krems an. Jamali traf gleich auf zwei harte Gegner. Während er den Holländer, Ton Smit, knapp bezwingen konnte, mußte er sich gegen den ungemein starken Jugoslawen, Miroslav Djerek, in einem unerwartet harten Gefecht, geschlagen geben. Auch sein Sieg wurde dadurch vergeben, daß er in der Hitze des Gefechts sein Soll an Fußstößen bei weitem nicht erfüllte. So erhielt er eine große Zahl von Minuspunkten, die einen Sieg unmöglich machten. Jaensch, ein vorsichtiger Kämpfer, bevorzugt mehr den Konterkampf. Er läßt gern seine Gegner kommen, studiert sie und geht im richtigen Moment. Mit dieser taktisch klugen Einstellung gewann er gegen den favorisierten R. Harinck, gegen den Norweger Even Holmer, gegen den Belgier Jimmy Barletta und stand im Endkampf dem großen Talent Ivan Meenes aus Holland gegenüber. Trotz eines angestauchten Daumens führte er nach der 1. Runde. Auch in der 2. Runde kämpfte er seinen sauberen Stil. Allerdings konnte er im Endspurt der letzten Minute nichts mehr zulegen. Mit 3:3 Punkten und der Kampfrichterwertung von 38:39 mußte er den 1. Platz dem technisch brillanten Meenes überlassen. Im Fliegengewicht gab es technische Delikatessen und schnelles Tempo. Lan-Ung Kim, Düsseldorf, mußte sich dem überragenden Norweger Max Mankowitz in einem sehenswerten Endkampf beugen. In jedem Fall war dieses 1. Europa-Cup Turnier ein sportlicher Erfolg. Es brachte viele neue Erfahrungen, die sicher bald einen besseren Ablauf der Organisation und gründlichere Schiedsrichter- und Punktrichterleistungen zeigen werden, so daß allen Kämpfern mehr Gerechtigkeit zuteil wird. Als Novität gab es für die Endkämpfe einen Boxring, der von vielen Kämpfern mit Mißbehagen aufgenommen wurde. Aber es stellte sich bald heraus, daß dieses Experiment gar nicht so übel war. Jeder hatte sich schnell damit abgefunden und darauf eingestellt. Für die Schiedsrichter und das Publikum war es besser und interessanter, da keiner der Kämpfer mehr die Kampffläche verlassen konnte. Vom Hallenarzt wurde bestätigt, daß die Verletzungsquote gering war.
Als internationale Mattenrichter fungierten: Geert Lemmens, Jochen Böckmann, Louis Fortes, Jean-Pierre Schuepp und Georg F. Brückner.

Text: Georg F. Brückner
Fotos: Wolfgang Bullmann

 


 

TOP-TEN Europa Rangliste im Voll-Kontakt der W.A.K.O. Stand 14. Mai 1977

Schwer-Gewicht (über 84 kg) Punkte Wertung
1. Jan De Graf, Holland 70: 59 4:0
2. Michele Castelain, Belgien 26: 30 2:2
3. Morten Gunderson, Norwegen 33: 40 0:4

Halbschwer-Gewicht (79-84 kg)
1. Gerad Bakker, Holland 117: 46 6:0
2. Van de Meer, Holland 104:106 4:2
3. Werner Kryzewski, Esslingen 101: 81 4:2
4. R. Velterop, Holland 24: 38 2:4
5. Bernd Cissewski, Solingen 27: 33 0:2
6. M. v. Baten, Holland 24: 32 0:2
7. Niels Hoverud, Norwegen 15: 37 0:2
8. Mladen Carevic, Jugoslawien 2: 38 0:2

Mittel-Gewicht (74-79 kg)
1. Bert de Frel, Holland 151: 26 8:0
2. J. Schepers, Holland 116:101 6:2
3. H. Rompa, Holland 61:114 6:2
4. Geier Kjelman, Norwegen 85: 77 4:4
5. B. Beek, Holland 45: 39 2:2
6. Günter Häuslein, Augsburg 38: 74 2:2
7. Branko Zgaljardic, Jugoslawien 19: 25 2:2
8. Semso Sehic, Jugoslawien 23: 25 2:2
9. A. Fortuin, Holland 24: 36 0:2
10. Detlef Sobottka, Berlin 22: 31 0:2

Leicht-Mittel-Gewicht (69-74 kg)
1. Serge Metz, Holland 84: 58 6:0
2. Slobodan Sokota, Jugoslawien 125: 63 4:2
3. Morten Reinertsen, Norwegen 86: 46 4:2
4. Lars Reinertsen, Norwegen 38: 46 2:4
5. Enric Gunning, Holland 17: 19 0:2
6. Konstantin Meinecke, Berlin 14: 28 0:2
7. E. E. Visbeen, Holland 6: 53 0:2
8. Jansen Cees, Holland 3: 60 0:2

Leicht-Gewicht (63-69 kg)
1. Ron Kuyt, Holland 130: 40 8:0
2. Jörg Schmidt, Berlin 116:102 6:2
3. Dennis Wip, Holland 103: 83 5:3
4. P. Stolp, Holland 124:108 4:4
5. J. D. Ruiter, Holland 118: 79 4:2
6. D. Zeegers, Holland 64: 38 2:2
7. F. Karakus, Holland 50: 77 2:2
8. J. Kunes, Holland 45: 61 2:2
9. Kemal Zeriat, Berlin 34: 35 0:2
10. Gunnar Jacobsen, Norwegen 24: 28 0:2

Super-Leicht-Gewicht (57-63 kg)
1. Ivan Meenes, Holland 147:129 8:0
2. Hansi Jaensch, Berlin 137:105 6:2
3. Jimmy Barletta, Belgien 179: 58 6:2
4. Miroslav Djerek, Jugoslawien 147: 90 4:4
5. Martin Giesselmann, Krems II 74: 69 2:2
6. J. Beek, Holland 57: 60 2:2
7. Even Holmer, Norwegen 52: 57 2:2
8. Rafik Jamli, Berlin 51: 57 2:2
9. Ton Smit, Holland 31: 34 0:2
10. Robert Harinck, Holland 30: 34 0:2

Fliegen-Gewicht (unter 57 kg)
1. Max Mankowitz, Norwegen 156: 35 6:0
2. Lan-Ung Kim, Düsseldorf 92: 36 4:2
3. Alex Topalides, Solingen 37: 14 2:2
4. Jose Menacho, Belgien 14: 37 0:2
5. Trung-Ahn-Huy, Monheim 3: 60 0:2
6. Hung-Trinh-Quoc, Solingen 0: 60 0:2

Category: Reportagen

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