UFC Japan

Die UFC Japan, abgehalten am 21. Dezember 1997 in der Yokohama Arena, hatte zunächst alle charakteristischen Kennzeichen eines klassischen regellosen Wettkampfes, wie man sie seit vier Jahren bestens kennt. Nach zahlreichen Änderungen wurden Titelkämpfe in zwei Gewichtsklassen abgehalten: ein „Superkampf“ und ein Turnier im Schwergewicht, an dem vier Kämpfer teilnahmen. In dieser UFC waren wieder berühmte Namen vertreten. Der ehemalige Champion im Kickboxen Maurice Smith war angetreten, um seinen Schwergewichts-Titel gegen den Top-Wrestler Randy Couture zu verteidigen. Der olympische Goldmedaillengewinner im Wrestling Kevin Jackson rang mit dem Submission-Fighter Frank Shamrock um den neuen Mittelgewichts-Titel, Vitor Belfort bestritt ein einzelnes Match und schließlich das Schwergewichtsturnier, an dem Tank Abbott, Conan Silviera und zwei japanische Profi-Wrestler, die der gleichen Organisation angehörten, teilnahmen. Den Zuschauer wurde eine langweilige Vorstellung mit ein paar äußerst dubiosen Ereignissen geboten.

Maurice Smith

Kickbox-Weltmeister Maurice Smith gewann bereits zweimal die UFC. Er mußte gegen Herausforderer Randy Couture ins Octagon steigen.

Ein vertraglich geregeltes Match zwischen Ken Shamrock, der heute für die WWF (World Wrestling Federation) kämpft, und dem Japaner Nobuhiko Takada aus dem Lager der Profi-Wrestler von Kingdom, war ein noch in letzter Minute hinzugefügter Rückkampf. Gerüchten zufolge, lief der Kartenverkauf derart schlecht, daß die SEG (Semaphore Entertainment Group), die Promoter des UFC, zu dem Schluß kam, daß nur Namen, die in der japanischen Öffentlichkeit bekannter waren, den Verkauf ankurbeln konnten – also holte man zu diesem Zweck die beiden japanischen Profi-Wrestler hinzu.

Zweifel an der Echtheit der Kämpfe
Trotzdem mußten noch Freikarten verteilt werden, um die Arena füllen zu können. Ende 1997 war Takada aus einem kurzen Kampf gegen Rickson Gracie als Verlierer hervorgegangen – eine Begegnung, die als der einzige nicht-choreographierte Kampf seiner Karriere gilt (siehe KICK 12/97). Er konnte aufgrund einer Verletzung, die er sich während des Trainings zugezogen hatte, an den UFC nicht teilnehmen. Die SEG beschloß, ihn nicht zu ersetzen und strich den gesamten Ken Shamrock-Kampf. Man hatte aufgrund der Tatsache, daß ein solcher Kampf überhaupt stattfinden sollte, bereits an der Intelligenz der SEG gezweifelt. Es hatte viel Mühe gekostet, um aus dem UFC eine Veranstaltung zu machen, die den Ruf hatte, „große“ Kämpfe zu präsentieren. Weshalb diese Glaubwürdigkeit durch einen Kampf zwischen zwei Männern, die sich ihren Lebensunterhalt mit Profi-Wrestling verdienen, aufs Spiel setzen? Nur zur Information: der Großteil der professionellen Wrestling-Kämpfe endet in der Regel mit vorher abgesprochenen Ergebnissen.

Kazushi Sakuraba

Kazushi Sakuraba freut sich zusammen mit den LigakКmpfern der Kingdom Organistation

Hinzu kam die Tatsache, daß die Fernsehübertragung stark an Qualität eingebüßt hatte. Unglücklicherweise hatte der Moderator Bruce Beck das Kommentatoren-Team für einen Job bei NBC verlassen. Sein Nachfolger Mike Goldberg verfügte zwar über eine gute Stimme, konnte jedoch nicht annähernd soviel Spannung erzeugen wie Beck. Seine Gemeinschafts­moderation, mit dem verbleibenden Kommentator Jeff Blatnick, erweckte bei den Zu-schauern den Eindruck, in einer Schulstunde über das Wrestling zu sitzen.

Mängel bei TV-Aufzeichnung
Die UFC-Fangemeinde, die das Geschehen bei einer zeitversetzten Austrahlung im Pay-per-view verfolgte, zeigte sich einhellig enttäuscht von der Qualität der Übertragung. Ein weiterer folgenschwerer Fehler war die Tatsache, daß es vor der Veranstaltung kein einziges Studiointerview mit einem der Kämpfer gegeben hatte. Die Zuschauer können jedoch schwer einen Bezug zu einem Athleten aufbauen oder Partei ergreifen, wenn sie keinerlei Hinter­grundinformationen zu dessen Person haben. Diese Umstände verliehen der Sen-dung eine fast sanfte Atmosphäre. Das in Verbindung mit dem sowieso extrem ruhigen japanischen Publikum sorgte dafür, daß die Zuschauer sich vorkommen mußten, als würden sie im Dunkeln sitzen.
Die Veranstaltung begann mit dem ersatzweise arrangierten Schwergewichtskampf zwischen Tra Telligman von Lion´s Den gegen Brad Kohler aus Mark Colemans „Hammer House“. Kohler gelang es bei zahlreichen Gelegenheiten, seine gute Überhand-Rechte zu landen. Brad schickte Tra zu Boden und hielt sich fast während des ganzen Kampfes gegen den größeren Gegner in der Mount und Side Mount Position oben. Doch dann gelang es Telligman hochzukommen, er drehte sich, bekam den Wrestler in einem Armhebel zu fassen und zwang ihn schließlich zur Aufgabe.

Vitor Belfort

Vitor Belfort, Brasilien, gelingt nach seiner Niederlage gegen Couture in der letzten UFC das Comeback. Er besiegt Joe Charles.

Aus wegen gebrochener Hand
Im ersten Kampf des Schwergewichts-Turniers stand Street-Fighter Tank Abbott, 1.85 m groß und 125 kg schwer, dem japanischen Profi-Wrestler Yoji Anjo, 1.75 m und 100 kg, gegenüber. Anjo gehört zu der Profi-Wrestling-Organisation Kingdom und ist in amerikanischen Kampfkunstkreisen als der Mann bekannt, der in die Staaten kam, um Rickson Gracie in dessen Studio in Los Angeles herauszufordern. Anjo hatte zu dieser Gelegenheit ein Kamerateam und Nachrichtenreporter mitgebracht – was sich als verhängnisvoller Fehler herausstellen sollte. Rickson verabreichte dem Tokyoten eine brutale Abreibung und ließ ihm keinerlei Chance. Tank schickte Anjo in seiner eigenen Deckung zu Boden und bearbeitete ihn 12 Minuten der regulären Zeit und drei Minuten in der Verlängerung mit Schlägen, bevor er in einer einstimmigen Entscheidung gewann. Es gab mehrere Neustarts, doch der Kampf blieb langweilig und einseitig. Tank hatte sich bereits am Anfang des Kampfes eine Handverletzung zugezogen und es blieb unklar, ob er weiterhin an dem Turnier würde teilnehmen können.

Die Conan-Guillotine
In der andere Hälfte des Schwer-gewichts-Turniers trat der kampferfahrene Brasilianer Jiu-Jitsu-Stilist Marcos „Conan“ Silviera, 1.90m und 108 kg, gegen den Wrestler aus dem Königreich Kazushi Sakuraba, 1.75m und 92 kg, an. Kazushi stürmte los, geriet in einen typischen „Conan-Guillotine“-Haltegriff, konnte sich jedoch wieder befreien. Als Conan am Boden war, versuchte Kazushi ein Leglock anzuwenden, doch der Brasilianer kickte sich frei. Der Anblick, wie es einem am Boden liegenden Mann gelang, seinen aufrecht stehenden Gegner mit einem Kick abzuwehren, mutete komisch an – umgekehrt wäre es ein Foul gewesen.
Conan dominierte anfangs am Boden und schaffte es beinahe, den japanischen Kämpfer in einer Armschraube zu fesseln, bevor sich beide Kontrahenten wieder aufrecht an das Seil stellten. Conan begann den Gegner mit prasselnden Schlägen zu traktieren, doch Kazushi gelang es, die meisten Angriffe abzublocken. Conan landete einen harten Uppercut, doch als Kazushi sich bückte und versuchte das Bein des Gegners zu erwischen, griff der Ringrichter John McCarthy ein, stoppte den Kampf und erklärte Conan zum TKO-Sieger.
John ist zwar ein großartiger Ringrichter, doch dabei handelte es sich um eine Fehlentscheidung. In den Zuschauerreihen brach ein Tumult los. Sakuraba, der verständlicherweise in höchster Erregung war, versuchte dem Ansager Bruce Buffer das Mikro-fon zu entreißen. Er lief aufgebracht im Oktagon herum und warf sein Mundstück angeekelt zu Boden, woraufhin sein Coach in den Ring kam und sich 30 Minuten lang weigerte, ihn wieder zu verlassen.
Schließlich wurde ein bisher einmaliger Beschluß gefasst, der in der Kampfkunstwelt für großes Aufsehen sorgte: die Verantwortlichen des UFC nahmen die TKO-Entscheidung zurück und änderten das Ergebnis in ein Unentschieden (später wurde der Kampf als ungültig erklärt) . Da Tank aufgrund seiner Verletzung aus dem Rennen war, sollte Sakuraba also – erneut – gegen Conan antreten, um zu entscheiden, wer der wahre Champion des Turniers war. Unglaublich! Diese einzige Entscheidung könnte für zukünftige UFC-Events und das Verhalten der Kämpfer weitreichende Folgen haben.

Bester Fight des Abends
Die nächste Begegnung war eindeutig der beste Kampf der Nacht. Kevin Jackson, 1.75 m und 90 kg, galt in der Gewichtsklasse unter 91 kg als der unumstritten beste Kämpfer der Welt. Ein Sieg über Frank Shamrock, der mit seinen 1.75 m und 87 kg als Prototyp eines Submission-Fighter galt, würde ihm die Gelegenheit geben, sich mit diesem Titel zu brüsten und ihm darüber hinaus den neuen UFC Mittelgewichtstitel einbringen.

Frank Shamrock (li.) attackiert Jackson aus allen Lagen.

Shamrocks Vorstellungen waren anderer Art. „Wrestler können ein wenig Nachhilfe im Submission-Fighting brauchen“, verkündetet der 24jährige unmittelbar vor dem Kampf. Doch Frank hatte sich erst kürzlich von Lion’s Den (die Turnhalle seines Bruders Ken) getrennt und man hielt sein Verhalten für das Ergebnis seiner emotionalen Erregung – ein Irrtum.
Jackson hatte geäußert, daß Shamrock seiner Meinung nach im Bereich des Stand-up Kämpfens Schwachstellen aufwies. Als der Kampf begann, attackierte er seinen Gegner mit mehreren Schlägen, von denen jedoch keiner traf. Dann bekam Jackson einen Fuß seines Gegners zu fassen und durchbrach Shamrocks Deckung. Frank bewegte sich flink heraus, nahm den Wrestler in einen Haltegriff und zwang seinen Gegner nach 22 Sekunden zur Aufgabe! Im Boxsport wäre das Ergebnis mit einem Knockout in der ersten Runde zu vergleichen. Der totale Triumph. Shamrock zeigte sich als fairer Sieger. „Er ist ein beeindruckender Wrestler – ein Athlet der Spitzenklasse“, sagte er von seinem Gegner. „Ich habe Glück gehabt, aber ich hatte mich auch gut vorbereitet.“

Frank Shamrock

Frank Shamrock

Superfight endet schon nach 4 Minuten
Dann kam die Begegnung, die man fälschlicherweise als einen „Superkampf“ ankündigte. Der 20jährige Vitor Belfort, 1.82 m und 104 kg, wurde als brasilianisches Jiu-Jitsu Phänomen gehandelt. Er hatte dank seiner beachtlichen Geschwindigkeit und seiner Schlag-kraft jeden Kampf der UFC durch K.o. gewonnen. Doch in seinen letzten Kampf, gegen Randy Couture bei dem UFC XV, hatte er eine K.o.-Niederlage einstecken müssen und plante nun ein Comeback. Sein Gegner war der 38jährige Joe Charles, 1.84 m und 120 kg. Charles hatte bis dato nur wenig Kämpfe verloren und man ging davon aus, daß er Belfort ohne Problem ü-berwinden würde.

Belfort (oben)

Die Begegnung kann man bestenfalls als Grappling-“Sparring“ Match bezeichnen. Es wirkte fast so, als hätten die beiden Gentlemen vor dem „Kampf“ eine Abmachung getroffen, denn keiner von ihnen landete auch nur einen einzigen Schlag. Sie wälzten sich eine Zeitlang auf der Matte, bis Belfort schließlich einen Armhebel ansetzte und Charles nach 4 Minuten und 12 Sekunden unterwarf.

Hmmm: Im nächsten Kampf, der Revanche zwischen Silviera und Sakuraba, ging es um den Turniertitel. Die Kämpfer umklammerten sich und gingen zu Boden, wobei Sakuraba versuchte, einen Front-Armlock anzuwenden. Conan wehrte ab und versuchte nun seinerseits einen Armhebel, doch der Kingdom-Fighter entwand sich geschickt und zwang Conan mit einem Armhebel nach 3.40 min. zur Aufgabe. Es war die ultimative Rache nach dem umstrittenen vorzeitigen Sieg Conans.

Kickboxer gegen Wrestler
Schließlich war die Zeit für den Schwergewichts-Showdown zwischen zwei bis dato unbesiegten, makellosen Kämpfern gekommen. Der 36jährige Maurice Smith, 1.88 m und 100 kg verteidigte seinen UFC-Schwergewichtstitel gegen den angesehenen Randy „The Natural“ Couture, 1.85 m und 100 kg – ein Mitglied des R.A.W. (Real American Wrestler) Teams. Zu Beginn des Kampfes landete Maurice einige gute Low-Kicks und stellte seine starke Rechte unter Beweis, doch Randy schickte ihn schon bald zu Boden und zwang ihn in eine ungünstige Seitenlage. Couture versuchte, mehrere Schläge zu landen, die jedoch alle ihr Ziel verfehlten, erreichte dann die Seitenlage und war schließlich in Smiths Deckung.

Der weitere Verlauf war auffallend langsam und an einigen Stellen fragte man sich, warum der Ringrichter den Kampf nicht aufgrund fehlender Action neustartete. Es war ein äußerst technisches Match, bei dem Couture oben kämpfte, Maurice sich jedoch auf dem Boden sehr gut verteidigen konnte. Nachdem die reguläre Zeit von 15 Minuten vorbei war, wurden die Kämpfer für eine dreiminütige Verlängerung getrennt. Maurice startete einen Low-Kick, doch Randy fing ihn ab und warf seinen Gegner zu Boden. So saßen sie also auf der Matte und arbeiteten sich langsam auf einen Vorteil zu.
Dann kam die zweite Verlängerung. Smith landete einige harte Schläge zu Kopf und Körper seines Kontrahenten, doch der Wrestler schickte ihn erneut zu Boden, wo er ihn bis zum Ende hielt. Der Kampf war an Langeweile kaum zu überbieten. Couture holte sich schließlich den Titel mit einer unstimmigen Entscheidung (ein Richter hatte für ein Unentschieden plädiert).

Randy „The Natural“ Couture

UFC Champion: Randy Couture

Einstimmiges Urteil: Die schwächste UFC aller Zeiten
Der letzte UFC (Nummer XV) war einer der besten, doch der UFC in Japan ging als einer der schwächsten in die Geschichte ein. Dennoch ist eine Neuauflage in Japan avisiert. Die Einschaltquoten erreichten im japanischen Pay-TV immerhin 3,9 Prozent, was vergleichbar ist mit den ersten K-1 Veranstaltungen. Ob die UFC in Japan jedoch so groß rauskommen kann wie das K-1 oder Pride, muß sich erst noch zeigen. Die nächste UFC-Veranstaltung findet im März auf jeden Fall erst mal wieder in den USA statt.

Marco Ruas
Diese Reportage von Steven Quadros erschien in der letzten KICK Ausgabe Anfang 1998. Fotos: Susumu Nagao.

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