Kevin Thompson

Kevin Thompson

Kevin Thompson im schwarzen Karate Gi.

Amerikas „graue“
Sport-Karate-Eminenz

Kevin Thomson, auch „Little KA“, wie ihn seine Freunde nennen, ist eine lebende Legende im amerikanischen Sport-Karate. Seit über 25 Jahren mischt er im Turniergeschehen mit und war bzw. ist immer auf den vorderen Plätzen zu Hause, sei es im Semikontakt, Formen- oder Waffenformenbereich. Unser Mitarbeiter Rüdiger Miller besuchte den öffentlichkeitsscheuen Star in seinem Dojo in Montclair/New Jersey um mit ihm ein Interview über die ungewöhnliche Karriere eines ungewöhnlichen Sportlers zu führen.

Kevin, erzählen sie uns etwas über den Anfang ihrer Karriere?

Ich begann im Alter von fünf Jahren unter der Anleitung meiner beiden älteren Brüder Earl und Milo, die zu dieser Zeit schon mehrere Jahre Kampfsport betrieben hatten, mit dem Training im Keller unseres Hauses in New Jersey. Erst mit sieben Jahren habe ich das erste Mal das Dojo meines späteren Trainers Kareem Abdullah betreten. Das war 1969. Da waren sie noch nicht einmal geboren, aber das ist okay! Er lehrte mich seinen eigenen Karate-Stil, der später unter dem Namen „KA-System“ bekannt wurde. Dieser „amerikanische Karate-Stil“ wurde über Genera-tionen weiterentwickelt und stammt ursprünglich vom Shito-Ryu, einem sehr harten japanischen Karate-Stil, ab. Ich habe aber nicht nur von ihm gelernt, sondern bemühte mich immer, von verschiedenen Lehrern in verschiedenen Stilen zu lernen. Die bekanntesten davon sind Prof. Moses Power, Chuck Merriman, Sugar Crossin und noch viele andere dieser großartigen „Old-timer“

Hauptsächlich haben sie mit Kareem Abdullah trainiert?

Ja, bis 1975. In diesem Jahr wurde unser Dojo aufgelöst und mein Trainer KA wechselte zum Boxen.

Wie ging es weiter?

Ich habe allein weitertrainiert, viele Bücher gelesen und versucht, meine Techniken – zu dieser Zeit hatte ich bereits meinen Schwarzgurt – zu verbessern. Mit 18 Jahren eröffnete ich mein erstes eigenes Dojo in Newark/New Jersey. Das ist jetzt 15 Jahre her. Seitdem habe ich versucht, das KA-System, in dem ich unterrichtet wurde, zu verbessern und durch effektive Techniken anderer Stile zu ergänzen. Aufgrund dieser Neuerung nenne ich den Stil, den ich meinen Schülern beibringe, „Kevin Thompson’s American Karate-Do.“ Heute betreibe ich vier Dojos in meiner Umgebung und habe genügend Schüler, auf die ich sehr stolz sein kann.

Sie bezeichnen sich selbst als Team-Spieler. Was hat es damit auf sich?

Das stimmt. Ich liebe es, Teil eines Teams zu sein, den Zusammenhalt zu spüren und Sieg oder Niederlage gemeinsam zu erleben. Das erste Team in das ich aufgenommen wurde, war das erste professionelle Sport-Karate-Team über- haupt, es trug den Namen „Budweiser-National-Karate-Team,“ aus dem später das berühmteste Team überhaupt wurde, das „Trans-World-Oil-Team.“ Dieses Team war zu seiner Zeit das wohl beste der Welt. Meine Team-Kollegen waren unter anderem Jean Frenette, Billy Blanks, Christine Bannon, Linda Denley, Keith Hirabayashi, Tony Young und Nasty Anderson, um nur einige der Bekanntesten zu nennen. Trainiert und gecoacht wurden wir von Skipper Ingham und Chuck Merriman. Damals war es eine sehr große Ehre in so ein professionelles Team berufen zu werden. Heute bin ich noch immer ein „Team-Spieler“. Seit 1993 bin ich Mitglied im John-Paul-Mitchell-Team, das von Don Rodriguez gecoacht wird. Und ohne Zweifel kann ich auch hier sagen, daß dies das beste Sport-Karate-Team unserer Zeit ist.

Wie sieht ihr Trainingspensum aus, bzw. welche Art von Training bevorzugen sie?

Hartes Training, für mich selbst als auch für meine Schüler. (hart, härter, am härtesten!! Anm. d. Autors) Ich wuchs mit dieser Art von Training auf. Mein früherer Trainer hatte eines der härtesten Ausdauer- und Konditionsprogramme, die ich kenne. Es beinhaltete Elemente aus dem Boxtraining, Abhärtungstraining an Baumstämmen und oft bis zu 1.000-fachen Wiederholen einzelner Schlag- und Kickkombinationen. Dieses Training machte sich für mich bezahlt, ich hielt meinen nationalen 1. Platz in der Kinder- sowie später in der Jugend- und Junioren-Klasse in allen drei Disziplinen Kata, Kampf und Waffenkata. Wenn die Eltern meiner Schüler heute zu mir kommen und meinen das Training sei zu hart für ihre Kinder, erzähle ich Ihnen meine Geschichte und teile ihnen so mit, daß man nur durch viel Arbeit, Schweiß und Selbst-aufgabe zu einem großen Champion werden kann.Little KA

Was waren, oder was sind ihre größten Erfolge?

Der größte Erfolg für mich persönlich ist die Leistung meiner Schüler. Die Definition Erfolg hat zwei Seiten. Die eine Seite ist die persönliche. Man gewinnt Turniere, erhält Auszeichnungen und Titel – aber nur für sich selbst. Was bleibt nach der aktiven Karriere? Erinnerungen und nichts anderes. Die zweite Seite des Erfolges ist jener Erfolg, der in den Schülern weiterlebt. Der Erfolg als Lehrer und Mentor. Man sieht seine Schüler bei Turnieren und erkennt einen Teil von sich selbst auf der Kampffläche und das gibt mir mehr als jeder Titel oder jedes Turnier, das ich jemals gewonnen habe. Wenn du wissen willst, was mein größter Turniererfolg war, nun wahrscheinlich waren das die Montreal Nationals in Kanade im Jahr 1987, ein Turnier, das Jean Frenette ausrichtete. Ich war der Erste, der jemals eine „Triple-Crown“ gewonnen hat, d.h. ich habe in allen drei Klassen den Grandchampion-Titel gewonnen. In der Formen-Kategorie gegen Ho Sung Pak, in der Waffen-Kategorie gegen Mike Bernardo und im Semikontakt gegen Nasty Anderson. Dies ist eines der wenigen Ereignisse, die mir wirklich etwas bedeuten.

Kevin, wir geben ein paar Sichwörter und sie sagen uns, was ihnen spontan dazu einfällt?

Okay!

Training?

Schweiß, Härte, Drill, Selbstaufgabe, Ziele.

Konzentration?

Dazu fällt mir ein Bogenschütze ein, der seinen Pfeil genau auf ein Ziel ausrichtet und ins Schwarze trifft. Die Linie, die der Pfeil vom Anfang bis zum Ziel beschreibt, ist gerade und ohne Abweichungen und genau so sollte man sich auf ein Ziel konzentrieren, das man erreichen will und sich durch nichts davon abbringen lassen.

karate stance

Turniere?

Das beste Turnier der Welt, „die Ocean-State-Nationals“ von Don Rodriguez. Dieses Turnier wird immer verglichen mit dem „Battle of Atlanta“ oder den „Diamond Nationals“, aber glaubt mir, insgeheim ist dieses Turnier der Höhepunkt der Wettkampf-Saison. Es macht heute immer noch viel Spaß, an solchen Turnieren teilzunehmen und die Talente die dort draußen zu sehen sind, sind fantastisch. Wir steuern einer großartigen Zukunft entgegen.

Familie?

Meine Familie war immer ein zweites Rückgrat für mich. Ich habe drei Kinder im Alter von 6, 8 und 10 Jahren und eine Frau, die ich über alles liebe. Sie ist es auch, die mir immer wieder hilft, an meine Grenzen zu gehen, sei es im Training, Beruf oder was auch immer, ich weiß, sie ist immer da für mich.

kama

Beruf?

Ich habe mehrere Berufe, aber hauptsächlich arbeite ich als „Problemlehrer“, d.h. wenn Schüler in unserer High-School Probleme haben, sei es im Unterricht, mit Mitschülern oder Lehrern, können sie zu mir kommen und wir versuchen gemeinsam das Problem zu lösen. Ich helfe aber auch den Lehrern, wenn sie Probleme mit aufsässigen Schülern haben, was hier in den USA leider allzu häufig vorkommt. Natürlich kommt danach der Job als Karate-Trainer, den ich 4 mal die Woche abends ausübe. Ich habe die Leitung meiner Schulen auf meine Assistenz-Trainer übertragen, deshalb muß ich nicht jeden Tag anwesend sein, aber ich versuche dies so oft wie möglich zu sein.

Zukunft?

Nun, Karate ist für mich kein Sport, es ist eine Lebensart und wird dies für den Rest meines Lebens bleiben. Ich werde sicher auch andere Sachen angehen, vielleicht Filme und mit Sicherheit werde ich Bücher schreiben. Ich glaube mit Büchern kann man viel erreichen und dadurch kann ich nicht nur meinen Schülern meine Erfahrungen und Konzepte mitteilen, sondern diese auch anderen zugänglich machen und ich hoffe, so einigen Leuten weiterhelfen zu können. Man sollte nicht für Turniere trainieren, sondern für das Leben. Wir haben ein langes Leben vor uns und dies sollten wir nutzen um durch das Training und die Konzentration eins mit unserem Körper zu werden.

Danke für das Interview Kevin. Haben sie abschließend noch einige Worte an unsere Leser?

Aber sicher: bleibt hart zu euch selbst, arbeitet hart an euch und ihr werdet sehen es wird sich bezahlt machen. Nicht nur im Training, auch im täglichen Leben.

Hansi Hinz
Dieser Beitrag von Rüdiger Miller befand sich in der Ausgabe 01/02 1997.

Anmerkung: Kevin Thompson starb am 8. Januar 2020 nach langer Krankheit bei seiner Gastfamilie in New Jersey.

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