K-1 Grand Prix 1997

Aus 16 werden 8: K-1 Grand Prix Runde 1

Wenig Überraschung – Favoriten gewinnen klar
von Horst Kalcher

“Alle Jahre wieder…“ Was man sonst nur aus Weihnachtsliedern kennt, gilt auch für‘s Kickboxen. Mittlerweile ein fixer Bestandteil des Kickboxkalenders, fand in Japan die erste Runde des K-1 Grand Prix 1997 statt: 16 Spitzenkämpfer standen sich gegenüber, die 8 Sieger werden im November im Tokio um das üppige Preisgeld gegeneinander antreten. Das einzige was wirklich neu war, war die Kulisse. Vom Erfolg seiner Veranstaltung im Nagoya Dome beflügelt, wurde natürlich auch diese Veranstaltung in einem Baseball Stadion abgehalten, diesmal in Osaka. So konnten rund 40.000 Fans live dabei sein, wenn sich die Favoriten gegen mehr oder weniger gleichwertige Gegner ins Finale kämpften. Die Kulisse war mehr als imposant und beeindruckend, die Kämpfe brachten die üblichen KO Rate (6 aus 8), aber dafür wenig Überraschung.

Ernesto Hoost

Ernesto Hoost zeigt stolz seine Siegestrophäe. Er knockte den Krefelder Stefan Leko aus.

 

­­­Brasilianisches Wunderkind: Eine der Überraschungen war der Brasilianer Francisco Filho. Bei der letzten Veranstaltung hatte er sensationell Andy Hug in seinem ersten Kickboxkampf KO geschlagen. Von vielen als „Lucky punch“ gesehen, wurde dem Sieg zwar fulminante Bedeutung zugeschrieben, doch beim nächsten Mal würde es doch anders kommen. Zweimal hintereinander Glück haben nur die wenigsten, und die boxerischen Fähigkeiten des Brasilianers, der aus dem Kyokushin-Lager kommt, würden für einen Kickboxkampf bei weitem nicht reichen. So waren viele überzeugt, daß der baumlange Südafrikaner Van der Merwe, der diesmal der Gegner Filhos war, in die nächste Runde aufsteigen würde. Doch man hatte die Rechnung ohne den berühmten Wirt gemacht. Fürwahr, Filho muß noch viel an seinen Boxtechniken arbeiten, denn auch diesmal setzte er die meisten Akzente mit seinen Beinen. Für ihn scheint das der Schlüssel zum Erfolg zu sein.

Francisco Filho (li.)

Francisco Filho (li.)

Die boxerischen Schwächen auf Seiten Filhos wurden auch von Van der Merwe erkannt, so mußte der Brasilianer einige schwere Treffer zum Kopf hinnehmen. Doch dann besann er sich wieder auf seine Beine. Eine Sidekick-Backkick – Kombination traf voll beim Südafrikaner, und dieser ging schmerzgekrümmt zu Boden, wo er ausgezählt wurde. Nach 2:22 Minuten in der ersten Runde waren die Unkenrufe über Filhos Kickbox­bestre­bungen plötzlich verstummt, und ein neuer Star geboren. Auch Promoter Ishii tat seine Begeisterung kund, und sagte voraus, daß Filho den K-1 wohl gewinnen würde, wenn er ins Finale kommt. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Die Dampfwalze rollt wieder: Weitaus weniger Überraschung brachte die nächste Begegnung. Die „australische Dampfwalze“ Sam Greco gegen den Amerikaner Jean-Claude Levier. Wer den aggressiven Kampfstil des Australiers kennt, wußte, daß Levier nur eine zeitlich be-grenzte Anwesenheit im Ring bevorstand. Und genauso war es. Vom ersten Rundengong an begann Greco sein Zerstörungswerk, und lies dem Amerikaner nur wenig Möglichkeiten zur Gegenwehr. In der zweiten Runde war es dann auch soweit. Nach einem rechten Haken ging Levier schwer getroffen zu Boden, wo er vom Ringrichter ausgezählt wurde. Somit stand mit Filho gegen Greco die erste Begegnung des K-1 Grand Prix fest, der am 9. November im Tokyo Dome stattfinden wird.

San Greco

Der “Jet“ erleidet Bruchlandung: Auf die nächste Begegnung wartete man mit Spannung. Fullcontact-Ass Rick „The Jet“ Roufus war dem Ruf des Geldes erlegen, und trat in den K-1 Ring. Sein Gegner war der Franzose Jerome Le Banner. Für Roufus war dies erst sein zweiter Kickboxkampf mit Lowkicks. Vor Jahren stand er dem Thailänder Chanpeuk Kiatsongrit gegenüber, wobei ihn dieser aber so mit Lowkicks malträtierte, daß Roufus mit einem gebrochenen Bein den Ring verlassen mußte. Doch diese Zeiten sind vergessen, denn Geld heilt bekanntlich viele Wunden. So konnte man einen „neuen“ Roufus in Osaka sehen. Bekanntlich standen sich ja Roufus und Rob Kaman schon zweimal gegenüber, was auf die gleiche Gewichtsklasse schliessen läßt. So wie auch Kaman bei seinem K-1 Debut, hatte sich Rick Roufus für seinen K-1 Auftritt ein neues „Outfit“ zugelegt.

Rick Roufus K1

Rick Roufus (links) gegen Jerome Lebanner

Rick Roufus am Boden. Der hohe Gewichtsunterschied machte ihm zu schaffen

Statt der durchtrainierten 85 Kg sah man diesmal 95 Kg an ihm, die nicht nur antrainiert waren. Neben das „Gewichtsproblem“ gesellte sich ein technisches dazu. Wie gesagt, war dies erst Roufus‘ zweiter Kickboxkampf mit Lowkicks, und obwohl im Fullcontact derzeitigt sicher die Nummer eins und von Bruder Jeff optimal vorbereitet, sollte gerade dies den Ausschlag geben. In der erste Runde war noch nichts davon zu merken. Roufus wie man ihn kennt. Mit spektakulären Kicks und harten Fäusten wußte er sich Respekt zu verschaffen. In Runde zwei gelang ihm das schier Unglaubliche. Mit einer harten linken Geraden sandte er den um siebzehn Kilo schwereren Franzosen auf die Bretter. Das war’s dann wohl gewesen, dachte man sich. Doch dann kam Le Banner zum Zug. Er hatte sein Rezept gegen den starken Amerikaner gefunden: Lowkicks. Immer wieder trafen sie Roufus in die Beine, der sie zwar in der ersten Runde noch blockte, später nicht mehr. In Runde drei schien die Taktik Le Banners aufzugehen. Immer öfter trafen seine Lowkicks, immer geringer wurde die Gegen-wehr Roufus’. Dem Franzosen gelang es den Kampfverlauf komplett zu bestimmen, bis er Roufus sogar mit einem Lowkick von den Beinen holte. Der große Full-contact-Star am Ringboden. Das war schon lange nicht mehr dagewesen. Roufus kam zwar wieder hoch, war aber nur mehr Spielball von Le Banners Attacken. Nachdem der Amerikaner noch einen Roundkick zum Kopf kassieren mußte, trat der Ringrichter dazwischen und brach den Kampf ab. Sieger somit, wenn nach den ersten beiden Runden auch überraschend: Jerome le Banner.

Eliminator“ Hoost: Nachdem der Darmstädter Hubert Numrich schon 1995 als erster Deutscher sein Glück im K-1 Ring versucht hatte, war nun Deutschlands neue Hoffnung, Stefan Leko, and der Reihe. Wie auch schon Numrich traf er auf den schwarzen Holländer Ernesto Hoost. Dieser zeigte dem jungen Deutschen, warum man ihn „Mr. Perfect“ nennt. Vom Kampfstil ähnelten sich beide, auch Leko brachte bravouröse Kombinationen, allein an Erfahrung war der Holländer haushoch überlegen. Das spürte Leko, als er bereits in Runde eins nach einer harten Rechten Hoosts zu Boden mußte. Der junge Deutsche kam zwar wieder hoch, und versuchte mitzuhalten, doch Hoost zeigte ihm, wer der „Herr der Ringe“ ist.

Stefan Leko kickboxen

Stefan Leko

Ernesto Hoost kick

Hoost kickt Leko zu Kopf

KO beim K-1.

Nach Hubert Numrich mußte Stefan Leko als zweiter Deutscher bei einer K-1-Veranstaltung vorzeitig raus.

In Runde zwei brachte Leko einen Lowkick an das Innenbein des Holländers, vernachlässigte dabei aber seine Kopfdeckung. Frei nach dem Motto „kleine Sünden straft der Herrgott sofort“, schoß Hoost eine Kontergerade ab, die voll traf. Leko ging schwer getroffen zu Boden, und nach nur einer halben Minute in Runde zwei war für ihn der Traum vom K-1 ausgeträumt. Begegnung zwei im November also: Le Banner gegen Hoost.

Cikatic läuft Amok: Der Kampf Bernardo gegen Cikatic hätte schon bei der letzten K-1 Veranstaltung stattfinden sollen. Der Südafrikaner konnte verletzungsbedingt nicht kämpfen, und somit standen sich die beiden erst jetzt gegenüber. Für Cikatic war dies der letzte seiner drei Kämpfe, für die er bei Ishii unterschrieben hatte, falls er ihn gewinnen sollte, würde natürlich noch einer dazu kommen. Aber erstens läuft alles anders und zweitens als es kommt. Sowohl Cikatic als auch Bernardo sind nicht unbedingt als Supertechniker bekannt, dafür aber für ihren „Hammer“, den sie in den Fäusten haben. Somit wurde ein harter aber kurzer Kampf hervorgesagt. Dies wurde er auch, wenn auch nicht ganz so spektakulär wie erwartet. Nach kurzem Abtasten von beiden Seiten brachte Cikatic einen rechten Haken.

runden girls Japan

Bernardo stürmte mit gesenktem Kopf nach vor-ne und schlug einen rechten Schwinger. Ein dumpfer Schlag war zu hören, Cikatic drehte sich ab und fiel zu Boden. Als er wieder hoch kam lief ihm Blut aus einem tiefen Cut auf der Stirn übers Gesicht. Bernardo hatte zwar getroffen, aber mit dem Kopf. Der Arzt wurde gerufen, und der beschloß den Kampf abzubrechen. Damit war Cikatic aber nicht einverstanden. Nach einem Schreiduell mit dem Ringarzt, ihn doch weiterkämpfen zu lassen, versuchte er wutenbrandt auf Bernardo los- zustürmen und konnte nur von Betreuer Tom Harinck zurückgehalten werden. Erst als Veranstalter Ishii auch in den Ring stieg und auf den Kroaten einredete, begann dieser sich zu beruhigen. So ging die Begegnung, die sicher eine der interessantesten des Abends geworden wäre, nach nur 38 Sekunden für beide Seiten enttäuschend zu Ende. Beide hätten sich mehr erhofft, aber letztendlich wurde Bernardo zum Abbruchsieger erklärt.

Aerts siegt erwartet: Die größte Überraschung lieferte Peter Aerts kurz vor dem Kampf. Er erklärte, er habe sich von Erfolgstrainer Tom Harinck getrennt und trainiere nun im Bully’s Gym. Nichtsdestotrotz sei er wieder zum Siegen nach Japan gekommen. Diesmal war sein Gegner der dunkle Amerikaner James Warring, seines Zeichen WKA Weltmeister und Ex-Profi-Boxweltmeister der IBF.

Peter Aerts Bullys Gym

Nach Punkterückstand knockt der Holländer Peter Aerts Ex-Weltmeister James Warring aus und strahlt mit seinen neuen Coaches für die Pressefotografen um die Wette.

Peter Aerts James Warring

Schwer getroffen sinkt der Ami James Warring zu Boden.

James Warring KO

Besonders letzteres bekam Aerts zu spüren. Mit den Beinen war Warring wenig gefährlich, dafür zeigte er, daß er es verstand mit den Fäusten zu fechten. Mehr als einmal konnte er Aerts in gefährliche Situationen bringen, die für den jungen Amsterdamer nicht sehr gut aussahen. Aber Aerts bewies seine Klasse und hielt mit Knien und Lowkicks dagegen. In Runde drei brachte er sein Markenzeichen, den rechten Highkick, der auch seinen Weg durch Warrings Deckung fand. Wie auch viele vor ihm fiel Warring diesem Highkick zum Opfer und blieb besinnungslos am Ringboden liegen. Sieger wie erwartet Peter Aerts, der somit im K-1 Grand Prix zum fünften Mal auf Mike Bernardo treffen wird. Der Südafrikaner scherzend dazu: “Das ganze kommt mir vor wie bei den Rocky Filmen. da gibt es auch 1 bis 5. Wir werden aber sicher einen guten Kampf liefern!“

Lokalfavorit eine Runde weiter: Japans Masaaki Satake kehrte wieder in den K-1 Ring zurück. Diesmal stand ihm der Kanadier Jean Riviere gegenüber, der auch bei Seido Kaikan in Japan trainiert. Der Kanadier, der wie auch Hug, Greco und Filho aus dem Kyokushin-Lager stammt, wehrte sich zwar tapfer gegen die Attacken des Japaners, hatte ihnen aber nichts Ernsthaftes entgegen zusetzten. So verwunderte es keinen, daß nach fünf Runden und zwei Verlängerungen der Punktsieg Masaaki Satake zugesprochen wurde.

Hug vernichtete Taekwondoka: Den letzten Kampf des Abends bestritt K-1 Gewinner 96 Andy Hug. Auf wundersame Weise bekam er den leichtesten Gegner, den Kanadier Pierre Guenette. Dieser stammt aus dem ITF-Taekwondo-Lager, die bekanntlich nur Leichtkontakt betreiben. Darüberhinaus war er um 16 Kg leichter als der Schweizer. Obwohl flink auf den Beinen hatte er gegen Hug, wie erwartet, keine Chance. Bereits nach einer Minute fand er sich nach einer geraden Hugs auf dem Ringboden wieder. Obwohl er wieder hochkam und mit schnellen Kicks versuchte, wenigstens gut auszusehen, war am Ergebnis nichts zu rütteln. Nach dem nächsten Faustangriff des Schweizers war er nach einem linken Haken schwer benommen am Ringboden. Somit stand nach einundhalb Minuten Hug als Sieger fest, und wird so in der nächsten Runde auf Satake treffen.

Der Schweizer Andy Hug (re.) hatte mit dem Taekwondoka Guenette, der seinen
ersten Kickboxkampf bestritt, leichtes Spiel.

Fazit: Die erste Runde des K-1 Grand Prix ist vorbei. Überraschungen bei den Vorkämpfen gab es nur wenige bis keine, die Favoriten konnten ihre Position klar behaupten. Mit Paarungen wie Greco-Filho, Hoost-Le Banner, Aerts-Bernardo und Hug-Satake ist es schwer einen möglichen Sieger vorauszusagen. Zu oft hat der K-1 Grand Prix in der Vergangenheit bewiesen, daß im Schwergewicht einfach alles möglich und nix fix ist. Es heißt also: abwarten und der Dinge harren, die da kommen. Mehr erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von KICK, die kurz vor Weihnachten erscheint.


Dieser Bericht aus Japan erschien in Ausgabe 10/1997 und dient als zu Archivzwecken.
Verfasser und Fotograf: Horst Kalcher.

Ausgabe 10/97

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