Hart und Härter: Joe Lewis

Das Kennzeichen guter Fußtechnik oder:

Kicken mit aller Kraft

Joe Lewis Sidekick

Joe Lewis mit Flying Sidekick

“Das Geheimnis guten Kickens”, sagt Kickbox-Legende Joe Lewis, “basiert auf dem gleichen Konzept wie Bruce Lees Jeet Kune Do. Es heißt “effektive Explosivität”. Explosivität ist die Fähigkeit, Substanz in eine Technik zu legen. Unter den Begriff Substanz fallen zwei Dinge: Physikalische Umsetzung – also wie man sein Körpergewicht hinter die Kicks legt, und Überzeugung – der Technik muß emotionale Überzeugung zu Grunde liegen.” In dieser Exklusivgeschichte erklärt einer der größten Strategen, wie man mit aller Kraft zutritt.

Wie gefährlich wäre es, einen explosiven Kick zu kassieren? Ein Eindruck darüber läßt sich gewinnen, wenn man den Überlebensinstinkt von Tieren beobachtet. Die Tiere beißen, stoßen und verwenden oft Kicks, die Knochen bersten lassen. Daß ist kein großes Arsenal an Techniken, aber ein tödliches.

Der Kick ist die erste Waffe eines Kämpfers. Kicks sind der Grund, warum Karate und Taekwondo mehr Zuschauer anziehen wie andere Kampfkünste. Es gibt schnelle Kicker, schöne Kicker und Kicker, die mit viel Kraft zutreten. Selbstsicheres, effektives Kicken ist der Maßstab, an dem ein guter Kämpfer gemessen wird. Um als herausragender Kicker bezeichnet zu werden, muß jemand so zutreten, wie es vor ihm noch keiner getan hat. Ihm das dann nachzumachen, wird schwierig sein.
Gutes Kicken, ebenso wie gutes Kämpfen, ist keine Frage der gewonnenen Kämpfe, sondern eine Frage des Herzens. Wenn wir einen schnellen Kicker sehen, heißt es “olala”, und wenn wir einen kraftvollen Kicker sehen, dann heißt es “Wow”. Aber bei einem außergewöhnlichen Kicker kommt man als Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das ist das Anzeichen dafür, daß ein wirklich außergewöhnlicher Super-Kicker am Werk ist.

Amerikanisches Karate

1967: Joe Lewis (l.) attackiert Mitchell Bobrow bei den Rhee Nationals in Washington – ein Stück Amerikanischer Kampfsport Geschichte

Kicks können tödlich sein
Sind Kicks tödlich? Ja, zumindest können sie es sein. In den sechziger Jahren kämpfte ich gegen alle guten Schwergewichts-Karateka. Dabei habe ich niemals versucht, jemand mit meinem Side-Kick zu verletzen. Trotzdem endeten einige meiner Gegner im Krankenhaus. Sie haben behauptet, ich hätte zu hart zugetreten, aber ich bin der Meinung, sie waren einfach nicht in Form. Ich habe meine Gegner nie härter als meine Sparringspartner getreten, die ich nie verletzt habe. Ich wußte, daß der Side-Kick nicht nur effektiv war, sondern auch tödlich sein konnte. Mein Lehrer auf Okinawa, Kinjo Chinsaku, wurde als junger Schwarzgurtträger von fünf Männern angegriffen. Drei von ihnen hat er mit Side-Kicks erwischt, bevor die anderen beiden abhauen konnten. Zwei von den drei mußten dann ins Krankenhaus, der Dritte war tot.

Meine gefährlichste Waffe
Auch ich habe bald erkannt, daß der Side-Kick eine sehr gefährliche Waffe ist. Während des Sparrings trugen meine Gegner Kendo-Westen aus Fiberglas. Ich konnte nicht nur diese zerstören, sondern auch schwere Sandsäcke mit meinem Side-Kick zum platzen bringen.
Als ich von Okinawa zurück nach Amerika kam, hatte ich bereits meinen schwarzen Gürtel. Bei den Turnieren konnte ich mit meinem Side-Kick nicht nur Punkte sammeln und Turniere gewinnen, sondern auch Rippen brechen und die Leber, Niere oder Milz meiner Gegner verletzen. Manchmal, anstatt Rippen zu brechen, brach ich auch den Arm meines Gegners, wenn er versuchte, meinen Kick zu blocken. Dabei habe ich es aber nicht übertrieben, ich habe nicht mit übermäßiger Kraft zugetreten. Das war einfach die Art, wie wir in Okinawa zugetreten haben.

Die beste Verteidigung
Die beste Verteidigung ist ein guter Angriff. Was ist also der Sinn einer Verteidigung? Sie soll die Schwachstellen des eigenen Angriffs minmieren – und welche bessere Möglichkeit gibt es da, als den Gegner mit einem starken Kick zu treffen?
Meine Geheimnis des Tretens läßt sich ganz einfach beschreiben: hart trainieren. Das Geheimnis, ein außergewöhnlicher Kicker zu sein, beinhaltet viele Elemente auf verschiedenen Ebenen. Bevor wir jedoch die Vorbereitung für gutes Treten besprechen, will ich an die Grundprinzipien des Kämpfens erinnern. Dieser ‹Überblick hält den Leser davon ab, nur an seine Angriffe zu denken und die Aktionen des Gegners außer acht zu lassen.

Bestrafung
Einerseits geht es beim Kämpfen darum, den Gegner zu treffen und nicht getroffen zu werden. Von einer anderen Seite her betrachtet heißt das, es geht darum, dem Gegner auszuweichen und ihn für seine Angriffsversuche zu bestrafen. Man tauscht also keine Techniken aus. Auch nimmt man keinen Schlag auf, um dann einen zurückzugeben. Und gewinnen bedeutet nicht, die meisten oder die besten Schläge einzustecken, denn sonst bekämpft man sich selbst. Bei uns gibt es ein Sprichwort: “Wenn du boxen kannst, dann kannst du auch kämpfen, aber wenn du kämpfen kannst, heißt das noch lange nicht, daß du auch boxen kannst.” Das bedeutet, daß du, wenn du ein guter Techniker bist, du auch den Mut aufbringen kannst, ein guter Kämpfer zu werden. Du kannst dich mit den Besten messen. Doch die reine Tatsache, daß du das Herz eines Kämpfers hast und hungrig darauf bist, dich mit den Besten zu messen, macht dich weder zu einem guten Techniker noch zu einem Strategen. Ein guter intelligenter Kämpfer zu sein bedeutet auch zu wissen, wie und wann man diesen “inneren Motor” anschaltet. Auf dieser Ebene geht es vor allem darum, wie man sich selbst sieht. Mit einem Gegner hat das noch gar nichts zu tun.

Maynard

Die erste Umsetzung der Technik: Schattenkicken.

Die Vorbereitung
Gutes Treten basiert, genauso wie Bruce Lees Jeet Kune Do, auf dem Prinzip der effektiven Explosivität. Wer nicht nach vorne explodieren kann, wird das Jeet Kune Do nie richtig umsetzen. Genauso wird es schwierig sein, ein guter Kicker zu werden. Wichtig ist es, mit “Substanz” zuzutreten. Unter Substanz versteht man zwei verschiedene Dinge: Physikalische Umsetzung – man muß sein ganzes Körpergewicht hinter den Tritt legen – und Überzeugung. Das heißt, daß der Technik eine starke Emotion zu Grunde liegen muß. Der Gegner muß das im Moment des Kontakts merken.
Ein guter Lehrer erklärt nicht nur, wie ein Kick auszusehen hat, sondern auch wie man ihn explosiv werden läßt, besonders, wenn es darum geht, ihn ansatzlos ins Ziel zu bringen. Wenn man manchen Lehrern beim Unterrichten zusieht oder Fotos von ihnen betrachtet, sieht man keine Energie in ihren Augen. Auch zeigt ihre Körpersprache keine Selbstsicherheit. Es fehlt schlicht und einfach an Kampfgeist, ohne den die Kicks aber nie funktionieren werden. Man braucht den emotionalen Antrieb, um explodieren zu können.
Wer nicht explodieren kann, der wird auch Probleme haben, seine Kicks ins Ziel zu bringen, besonders beim Partnertraining. Es ist egal, wie hart oder schnell jemand zutritt, wenn der Kick nicht trifft, ist er keinen Pfifferling wert.
Wie man die Selbstsicherheit aufbaut:
Um das Vertrauen in die Beintechniken zu stärken muß man Schritt für Schritt vorgehen: zuerst muß die Basistechnik verinnerlicht werden. Danach sollten die Schnelligkeit, die Kraft, das Distanzgefühl, die Beinarbeit, das Timing und der Rhythmus entwickelt werden. Diese Prinzipien zu beachten ist unerläßlich.
Der erste Schritt wäre also, die Ausführung eines Kicks zu perfektionieren, beispielsweise die des Side-Kicks mit dem vorderen Bein. Übe, ihn explodieren zu lassen. Wenn du ihn startest, versuche, zwei Dinge zu vermeiden: Erstens, lehne deinen Oberkörper nicht nach vorne, denn so sieht der Gegner, daß du angreifen willst. Zweitens, spanne deinen Körper nicht an, denn auch das verrät deinem Gegner dein Vorhaben.

Auf einmal bewegen
Wer es vermeidet, während der einleitenden Bewegung zu “telegrafieren”, erhöht seine Chancen, seinen Kick ins ziel zu bringen, um ein vielfaches. Versuche also, den ganzen Körper auf einmal zu bewegen. Sobald die Schulter sich nach vorne bewegt, sollte sich auch der Fuß bewegen, um die Verteidigung des Gegners zu durchbrechen. Dieser explosive Ansatz gegenüber dem Gegner nennt sich “die Lücke schließen”. Ohne explosive Beinarbeit wird es allerdings nicht funktionieren.

Lernen, wie man explodiert bedeutet, zu entspannen und gleichzeitig zu kicken. Kicken ist ähnlich wie Boxen. Oft sieht man dabei zwei schwerwiegende Fehler: Ein Kämpfer, der angespannt ist und die Schulter beim Fauststoß leicht nach vorne schiebt, kündigt seine Aktion an. Außerdem verschenkt er Kraft, weil er mit der Schulter anstelle der Beine zustößt. Ein weiterer Fehler ist es, die Schulter zurückzuziehen. Auch hier wird dadurch telegrafiert und Kraft verschenkt.
Diese Fehler werden von vielen Sportlern auch beim Kicken gemacht. Wir müssen lernen, beim Kicken entspannt zu sein und die Energie von innen heraus wirken zu lassen. Dann können wir, wenn wir beispielsweise die Muskeln unserer Fußgelenke zu einer federnden Bewegung nutzen, mit viel Kraft zutreten, anstatt nur ein bißchen rumzukicken. Das ist dann so, wie wenn eine Pistolenkugel abgeschossen wird.
Das Gefühl dafür, einen Kick aus der Entspannung herauszuschießen, läßt uns schneller werden. Wir treffen härter, genauer und brauchen weniger Energie für ein besseres Resultat, was für den Gegner schwieriger vorherzusehen ist.
Zu diesem “Losschießen” gehört es auch, daß man das ganze Körpergewicht in die einleitende Bewegung eines Kicks legt. Manchmal kann man einen kleinen Schritt mit dem vorderen Bein machen. Gleichzeitig bringen wir die Schulter nach vorne, was eine Gewichtsverschiebung zur Folge hat, und den Körper hinter den eigentlichen Kick bringt. Je schneller du dich also bewegst, umso explosiver wirst du sein, und du wirst umso mehr Kraft in deinem Tritt haben.
Erinnere dich an die folgende Formel:
Weniger Gewicht, mehr Geschwindigkeit. Mehr Gewicht, mehr Kraft. Du brauchst also nicht immer das ganze Körpergewicht um den Schaden anzurichten, den du anrichten willst.

Emotionale Zielsetzung
Alle Techniken, die du machst, sei es vor dem Speigel, an der Pratze oder am Partner, sollten eine Nachricht übermitteln. Diese Nachricht sollte einen emotionalen Inhalt haben, und du solltest lernen, diesem Ausdruck zu verleihen. Ausdruck verleihen heißt: Kontakt machen. Es gibt drei Arten, zu Kicken: an das Ziel, auf das Ziel und durch das Ziel. Wir wollen durchtreten!
Um die Kicks wirken zu lassen, sage zu dir: “Ich kann da durchkicken”, wenn du versuchst, deinen Gegner zu treffen. Du willst, daß er erkennt, daß du schneller bist als er, also laß es ihn wissen, und tritt ihn so schnell, daß er die Technik nicht kommen sieht. Dann laß ihn wissen, daß du ihm wehtun, ihn umhauen kannst. Später kannst du ihn auch wissen lassen, daß du ihn beerdigen könntest. Das nennt man dann Überzeugung. Um zu lernen, wie man überzeugt, führe jede Technik immer so aus, daß sie gegebenenfalls Wirkung zeigen könnte.

sidekick kickboxing

Mit diesem Doppelsidekick simuliert man das Abstoppen eines hineinlaufenden Gegners. Wenn der erste Kick nicht sitzt, dann der zweite.

Kicken mit Substanz
Diese wichtigen Elemente in der Ausführung einer Technik nennen wir Substanz. Die Stärke deiner Substanz wird von deiner Explosivität bestimmt. Dein Gegner spürt das als Autorität deiner Bewegung. Gute Kicker bewegen sich immer mit Autorität. Die Entwicklung eines Kickers spielt sich auf drei Ebenen ab: Die erste Ebene ist die mechanische: Alle Übungen beschäftigen sich nur mit den Grundbewegungen. Hier geht es hauptsächlich um die zweite, die technische Ebene. Die Koordinationsübungen, die nun gemacht werden, verdeutlichen die Prinzipien, die hinter den Techniken liegen.

Das erste Prinzip ist die Distanz
Die richtige Distanz zwischen sich und dem Gegner zu finden ist sehr wichtig. Sie ist immer von der Größe des Gegners abhängig. Bei einem guten Kicker sollte man sich entweder außerhalb der Länge seines gestreckten Beins aufhalten, oder aber näher als seine Oberschenkellänge an ihn herangehen. Wichtig ist es, nicht in die Falle zu geraten. Die Falle ist seine Treffdistanz, also die, die zwischen seinem Knie und seinem ausgestreckten Fuß liegt. Als nächstes arbeiten wir an unserem Timing. Timing bedeutet, zur richtigen Zeit das richtige zu tun. Beim Kämpfen unterscheidet man zwischen kurzen und langen Schlägen. Eine Täuschung oder Finte wäre ein kurzer, ein Kick oder ein Fausstoß ein langer Schlag. Die Distanz zwischen den Gegnern bestimmt auch das Timing, das verwendet wird, wenn man einen Kick einleitet. Gegen einen größeren Gegner wirst du beispielsweise eine Finte mit der vorderen Schulter mit einem kleinen Schritt machen. Diesem kurzen Schlag folgt nun ein langer – der eigentliche Kick. Gegen einen Gegner, der von dir wegläuft, wirst du wahrscheinlich eine Serie langer Schläge machen, mehrere Kicks beispielsweise.
Das nächste Element ist die Beinarbeit, die von dem Timing beeinflußt wird. Gegen einen guten Konterkicker würde ich einen schnellen Step machen, um seinen Kick zu provozieren. Wenn er absetzt, bin ich drann…
Die Strategie ist simpel: Ich zwinge den Konterkämpfer dazu, mich anzugreifen. Den Angreifer dränge ich in die Defensive. Wenn mein Gegner unerfahren und ängstlich ist, überrenne ich ihn einfach und verschwende keine Zeit.
Paßt auf eure Beinarbeit auf, wenn ihr eine Technik einleitet: Wenn die Knie durchgestreckt sind, könnt ihr euch nicht schnell bewegen. Wenn die Stellung zu tief ist – wie bei den meisten Karate- und Taekwondo-Kämpfern – muß das hintere Bein bei einer durchdringenden Technik nachgezogen werden.
Um Kraft und Schnelligkeit in der Beinarbeit zu erreichen ist es wichtig, das Körpergewicht schnell verschieben zu können. Die kann man üben, indem man das Ge-wicht vom Fußballen des hinteren Fußes über die Fersen auf den Ballen des vorderen Fußes und wieder zurück verschiebt. Wenn du gezwungen wirst, zurückzugehen, mag es sinnvoll sein, das Gewicht auf den vorderen Fuß zu verlagern – sobald du dann mit dem hinteren Bein in die Nähe der Ringseile kommst, kannst du dich zur Seite drehen und dich von der Gefahr wegbewegen. Du kannst auch, wenn dein Gegner gerade tritt, dein Gewicht nach hinten verlagern und dann gleich wieder nach vorne explodieren. Lehne dich aber nie ganz zurück, denn sonst wird jegliche Beinarbeit und damit das Kontern unmöglich.
Das nächste Prinzip ist der Rhythmus. Man lernt, mit seinem Kampfgeist einen inneren Rhythmus aufzubauen. Der äußere Rhythmus zeigt sich dann durch die Bewegungen des Körpers. Du mußt lernen, den Rhythmus deines Gegners zu lesen, um ihn dann brechen zu können. Das Brechen des Rhythmusses ist die beste Taktik im Kampf. Diese Taktik wird ausgiebig in meiner Videoserie und in meinem bald erscheinenden Buch besprochen.

Kick Training Pads

Kondition und Kraft: Mit dieser Doppelkombination aus vorderem und hinterem Roundhousekick, beide werden mit voller Wucht getreten, erhöht man Kraft und Kondition.

Wenn du diese Prinzipien verwendest, sie mit deinen Lieblingsübungen kombinierst und in deinen Kampfstil mit einbeziehst, wirst du eine innere Sicherheit entdecken, die du nie zuvor hattest. Kampfgeist ist eine allumfassende Energie, die alle diese Elemente zusammenfügt.

Die höchste Ebene: Anwendung
An diesem Punkt wird es Zeit, die Koordinationsübungen zur Anwendung zu bringen. Dies geschieht, wenn man mit Pratzen oder direkt am Partner trainiert. Ich empfehle als Hilfsmittel den Sandsack, den Punching-Ball und die Thai-Pratzen. Bevor man jedoch mit diesen Trainingsgeräten trainiert, sollte man sich mit Schattenboxen und -kicken aufwärmen. Schattenkicken ist eine gute Vorbereitung auf das Stretching. Achte darauf, immer Doppeltritte zu machen.
Man sieht immer, wenn ein Experte mit den Pratzen arbeitet. Bei ihm geben die Pratzen einen besonderen Klang von sich, und der Sandsack schwingt. Es hört sich an wie Musik. Beim Pratzentraining lernt man mehr als nur Schnelligkeit, Kraft und Kondition. Man lernt, Druck zu machen und seine Aggressivität effektiv umzusetzen. Man lernt, den Gegner zu verwirren, kleine Öffnungen in der Deckung zu provozieren und den Kampf zu diktieren. Die Pratzen sind besonders gut dazu geeignet, durchdringende Bewegungen zu trainieren, die die Deckung des Gegners durchdringen können. Außerdem lernt man, wie man verschiedene Gegner bekämpft und was man nach einem Kick tun muß.

Beim Pratzentraining gibt es drei Arten von Kombinationen: Angriffskombinationen, Konterkombinationen und Nahkampfkombinationen. Bei den Angriffskombinationen bewegt sich der Partner immer Rückwärts, während du die Techniken ausführst. Bei den Konterkombinationen greift dich dein Partner, der die Pratzen hält, mit einem Kick an. Du weichst aus und Konterst auf die Pratze. Bei den Nahkampfkombinationen greift dein Partner mit den Pratzen an, du tauchst ab oder weichst zur Seite aus und schlägst dann einige Fauststöße und einen starken Tritt. Wichtig ist es, an allen drei Arten zu arbeiten.
Als ich während der sechziger Jahre auf Okinawa trainierte, begann ich mein Training zwei Stunden vor den anderen. Ich habe dann eine Stunde auf das Makiwara geschlagen und eine Stunde lang Sidekicks auf den Sandsack gemacht. Dabei habe ich mich vor allem auf meine Explosivität konzentriert. Ich habe immer die oben genannten Prinzipien bedacht und mit Überzeugung zugetreten. Das war für mich die beste Vorbereitung für einen perfekten Kick.
Wer sich an diese Richtlinien hält wird mit Sicherheit keiner dieser “No Energy”-Kicker. Keiner von denen, die nur ans Verlieren denken. Es ist ermutigend, zu wissen, der der Weg zum Sieg manchmal auch durch Niederlagen führen kann. Angst ist dabei normal, man darf sich nur nicht von ihr lähmen lassen.

Beachte immer die Substanz hinter deinen Kicks. Es ist nicht nur die Kraft eines Kicks, sondern auch die Überzeugung, die ihn wirken läßt. Stell dir vor, du wirst angegriffen und schreist “Stop”. Da spielt es keine Rolle, wie lange oder wie laut du brüllst, es ist dieser besondere Unterton in der Stimme, der den Job erledigt. Achte darauf, daß du nicht nur zu einem guten Techniker wirst, sondern zu einem, der auch kämpfen kann. Ich kann nur auf meine Art interpretieren, was gutes Treten ausmacht. Der nächste Spezialist wird den Standard wieder ändern, so wie es auch Bill Wallace gemacht hat. Dabei muß ich an den berühmten Golfer Ben Hogan denken, der gesagt hat: “Golf ist ein Glücksspiel, je mehr ich golfe, umso glücklicher werde ich.” Das gleiche trifft auf uns Kämpfer zu, denn: “Verlierer beklagen sich – Sieger trainieren.”

Film: Januar Lebt

Joe Lewis spielte die Hauptrolle in “Jaguar Lebt” an der seite von Christopher Lee und Barbara Bach.

Wie Joe Lewis sich in die Geschichtsbücher eingekämpft hat
Ruhm verflüchtigt sich, Stars glitzern nur, doch Legenden sind unsterblich. Wir, die Öffentlichkeit, halten sie am Leben, denn wir brauchen sie, da sie beweisen, daß auch Sterbliche zu unsterblicher Größe aufsteigen können. In den Kampfkünsten geben uns Legenden wie Bruce Lee eine Idee davon, was es noch zu erreichen gibt.
Joe Lewis gilt, mehr als wahrscheinlich jeder andere Kampfsportler unserer Zeit, als lebende Legende, doch viele jüngere Leser wissen vielleicht gar nicht, weshalb. Da er nun weit und breit erklärt, wie ihr zu kicken habt, wird es wohl auch Zeit, seine beeindruckende Karriere Revue passieren zu lassen. In jedem Fall tut ihr gut daran, euch an seine Tips zu halten, denn seine Erfahrung spricht dafür.
Habt ihr euch je gefragt, wie Legenden zu Legenden werden? Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Legenden werden nicht geboren, sie werden gemacht. Ich bezweifle das. Als Redakteur könnte ich eine große Publicity-Kampagne für irgend einen beliebigen Kämpfer starten und so einen Star aufbauen – was ich während der letzten 22 Jahre auch mit einer Handvoll Leute, die das wollten, gemacht habe. Aber die Wahrheit ist, daß das Rampenlicht einen noch nicht zur Legende macht. Es garantiert noch nicht einmal den Status eines Prominenten. Man kann aus einer Maus einfach keinen Elefanten machen und noch erwarten, daß die Öffentlichkeit daran glaubt. Der Star muß auf einer soliden Basis stehen, so daß auch die Öffentlichkeit an ihn glaubt. Wenn das nicht so ist, wird er bald in der Versenkung verschwinden.
In den Kampfkünsten gibt es eine außergewöhnlich hohe Anzahl genialer Legenden. Sind wir doch mal ehrlich – diese Legenden werden am laufenden Band produziert, denn ein guter Kämpfer spricht den tiefsten Instinkt eines jeden Mannes an – den Selbsterhaltungstrieb. Ein Kämpfer wird also immer viel Respekt von den Leuten bekommen, die nicht zu der elitären Gruppe der Danträger gehören. Dadurch sind schon viele Kleinstadt-Karate-Lehrer zu Legenden geworden, wenn auch nur in den Augen ihrer eigenen Schüler.
In keinem anderen Sport läßt sich solch ein Status in der Öffentlichkeit erreichen – O.K., Golf mag für Millionen interessant sein, doch kann Golf ein Leben retten? Da Taten mehr sagen als Worte, gibt es für Kämpfer zwei weitere Bereiche, in denen sie zu Legenden werden können: Film und Wettkampf. Aus diesen Bereichen kommen die Stars und die Legenden, wobei es von den letzteren nur sehr wenige gibt. Da wir uns in einer Kultur befinden, in der der Körper eine sehr große Rolle spielt, kommen die meiste Legenden aus dem Wettkampfbereich, wie zum Beispiel, Benny “The Jet” Urquidez, Bill “Superfoot” Wallace und natürlich Joe Lewis.
Joe Lewis wurde bereits nach seinem ersten öffentlichen Auftritt zur Legende. Im Gegensatz zu dem alten Spruch denke ich, daß Joe wirklich dazu geboren wurde, eine Legende zu werden. Wenige Menschen kommen mit solchen Anlagen zur Welt: Ein brillanter Intellekt, die Ausstrahlung eines Filmstars und ein außergewöhnlicher Kampfgeist. Den Rest seiner Fähigkeiten hat er irgendwo auf seinem Weg aufgehoben. Doch würde mich jemand fragen, was Lewis zur Legende gemacht hat – es ist sein einzigartiger Side-Kick. Er hatte einen Side-Kick, der Einschlug wie ein Rammbock, er war einfach nicht zu stoppen.
Einmal sagte ein berühmter Kampfsportler zu Lewis, der soeben wieder einmal die Rippen seines Gegners gebrochen hatte: “Wenn du mich so hart getreten hättest, hätte ich eine Pistole geholt und dich erschossen.” Wie weise. Ihn zu erschießen wäre wohl der einzige Weg gewesen, diesen Kick zu stoppen. Bis heute gilt Lewis als der Mann mit dem besten Side-Kick in der gesamten Kampfkunstszene.
Übernacht zum Helden geworden
Wie Joe Lewis durch seinen Side-Kick zur Legende geworden ist, ist nun Teil der Geschichte. Es ist wie bei Michael Jordan, der als Unbekannter des Basketball-Feld betrat und das Gegnerische Team einfach weggeblasen hatte.
Die sechziger Jahre waren eine rauhe Zeit im amerikanischen Karate. Die Kampffläche war damals nur etwas für hartgesottene Typen, die Mut hatten und Schmerzen ertragen konnten. Das Sparring von damals wurde “Non-Contact” genannt, die Regeln erlaubten keine Treffer zum Kopf und nur leichte Treffer zum Körper. Zu harter Kontakt war Grund für eine Disqualifikation.
Ungeachtet dieser Regeln galt harter Kontakt zu Kopf und Körper als normal. Ein Kämpfer konnte seinem Gegner die Knochen brechen oder ihn ins Reich der Träume schicken, ohne dafür disqualifiziert zu werden. Von einem guten Kämpfer wurde erwartet, das einzustecken und es irgendwie zurückzuzahlen.
Die Kämpfer trugen keine Schutzausrüstung, da diese noch nicht erfunden worden war. Manche – nicht alle – der Männer trugen einen Unterleibsschutz, und es gab nur zwei Gewichtsklassen unter den Schwarzgurten: Leicht und schwer.
Die Techniken von damals waren einfach und unsauber, verglichen mit dem heutigen Standard, ebenso wie die Regeln, nach denen dieser junge Sport ausgeübt wurde. Allerdings gab es auch keine gespielten Verletzungen, keine Beschwerden über die Kampfrichter und kein Preisgeld. Auch gab es keine Gerichtsprozesse, in denen ein Kämpfer den anderen verklagte.
Unter diesen wilden Voraussetzungen kam Joe Lewis zu seinem ersten Turnier, den prestigereichen US-Nationals, ausgerichtet von Großmeister Jhoon Rhee in Washington. Hier waren die besten Kämpfer der Nation versammelt.
Im Dojo hatte Lewis sich schnell durchgesetzt und sich nach sieben Monaten bereits seinen Schwarzgurt verdient. Er hatte nur 22 Monate lang trainiert, als er das erste mal auf die Kampffläche ging. Lewis hatte nicht nur keine Turniererfahrung, nein, er hatte nie zuvor ein Karate-Turnier gesehen und die Regeln waren ihm völlig unbekannt. Da er auch keinen seiner Gegner kannte, konnte er keine Strategie aufbauen.
Trotzdem sollte es als sein Tag in die Geschichte eingehen. Am Abend hatte er sich als Kämpfer etabliert und galt als der Alptraum eines jeden Gegners. Er gewann jeden Kampf mit nur einer einzigen Technik, dem Side-Kick, und keiner seiner Gegner machte auch nur einen Punkt.
Durch diese Leistung wurde Joe Lewis über Nacht berühmt. Heute, beinahe 30 Jahre später, bleibt er eine Sensation, denn sein Ruhm reicht bis in alle Ewigkeit. Solche Leute werden geboren. nicht gemacht…

Kick Joe Lewis

KICK 12/95 mit Joe Lewis

Fotos: Carey Frame.
Diese Reportage erschien in Ausgabe 12/95, der ersten KICK Ausgabe voll in farbe und erhöhter Auflage. Anmerkung: Joe Lewis verstarb am 31. August 2012 nach schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren.

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