WAI PO TANG

Wai Po Tang

Wing Chuns neue Macht
Das Wing Chun Kung Fu System stellt trotz der vielen Kämpfe und politisch motivierten Zankereien eine der tödlichsten Kampfsportdisziplinen dar, der man sich widmen kann. Die vielen Meister und Sifus, die sich in den letzten Jahren hervorgetan haben, diese tödliche Kampfkunst zu lehren, haben alle eine gewisse Popularität erreicht, als sie in die Fußstapfen der zwei feurigsten Pioniere, dem verstorbenen Großmeister Yip Man und den viel betrauerten Bruce Lee, traten. Eine neue Kraft ist in die Fährte der Verstorbenen getreten, mit der man in der unbeständigen Wing Chun Szene rechnen muß. Sein Name: Sifu Wai-Po Tang. Um Genau zu sein trifft der Ausdruck „neu“ auf Wai-Po Tang nicht zu, da er sein ehrfurchtgebietendes Wing Chun Können schon seit geraumer Zeit ausübt, aber es aus persönlichen Gründen vorgezogen hat, im Schatten seiner besser bekannten Vorgänger zu bleiben – das heißt, bis jetzt !

Die fruehen Tage
Wai-Po Tang wurde in Hong Kong geboren und ließ sich in seiner frühen Jugend in London nieder. Vor kurzem zog er nach Brighton um und führt dort eine riesige Wing Chun Organisation namens „Martial Arts Institute UK Wing Chun Kung Fu“. Seine ersten Kung Fu Erfahrungen begannen zusammen mit seinem älteren Bruder als er das Pak Mei Kung Fu erforschte und einige Jahre später in Singapur, als er die Gelegenheit hatte Wu Shu zu studieren und trainieren. Seit den letzen 10 Jahren allerdings gehört Wai-Pos Treue dem Wing Chun. In diesem Jahrzent hat er viele Kwoons besucht und mit vielen großen Meistern trainiert um sein Wissen im Bereich des Wing Chun Kung Fu weiter zu verbessern. Diese intensiven Kurse in Asien führten letzendlich dazu, daß er seine Energie unter dem Banner von Meister Yui Kil, aus Fatshan, nutzbar machte. Wai-Po Tang stellt fest: „Ich bin sicher, daß es viele ebenso gute Meister gibt, aber ich verstand mich auf Anhieb gut mit Meister Yui Kil, so daß ich sein Schüler wurde.“ Historisch betrachtet hatte der verstorbene Großmeister Yip Man zwei Ausbilder. Einer von ihnen war Yui Choi, Yui Kils Vater.

Wing Chun

Das Yui Kil System
Am Anfang seiner Entwicklung gehörte Wai-Po Yip Mans Zweig des Wing Chun an, wechselte aber später zu Yui Kils Trainingssystem über. Bei diesem System wird mehr Betonung auf die Körperbewegung bei jeder Technik gelegt. Beim Ausüben des Gaun Sau, zum Beispiel, verdrehen die Verfechter dieses Stils ihren Körper. Ein weiterer Unterschied ist das Traditionsbewußtsein; nichts wird verändert. Die traditionellen Bewegungen und Techniken werden immer und immer wieder geübt. Die Snake Hand Technik, ähnlich der Sticking Hands Technik unterscheidet sich auch von Yip Mans Lehren. Grundsätzlich dient die Methode dem Training der Handgelenkkraft und Flexibilität. Die Ausgangsstellung ist eine tiefe Hocke, im Gegensatz zum generell akzeptierten Wing Chun Standard.
Wai-Po Tang kennt sich in den verschiedenen Variationen die das Wing Chun System scheinbar durchwuchern gut aus. Durch seine ausführlichen Studien und Nachforschungen fand er einige wichtige Dinge heraus, denen er nun seine Energie widmet. Ein Aspekt liegt in der Lehre von Wing Chun. Wai-Po merkt an: „Ich glaube, daß sich Schüler zu allererst darüber klar werden müssen wo ihre Prioritäten liegen und aus welchem Grund sie Wing Chun trainieren. Geht es ihnen um die Kunstform an sich oder nur um den Gesichtspunkt der Selbstverteidigung? Erst wenn jemand weiß, was er eigentlich will kann er sein Training so auslegen, daß er darin gut wird und sich somit nicht selbst betrügt in dem er eine kunstvoll ausgeführte Technik mit der praktischen Anwendbarkeit des Wing Chun verwechselt. Mich selbst interessiert die klassische Seite des Systems, da sie eine ungeheure Disziplin fordert. Wenn du eine Technik ausführst, muß sie tadellos sein. Betrachtet man das ganze unter dem Aspekt des Kampfes (Selbstverteidigung), kommt es offensichtlich nicht auf eine perfekt ausgeführte Technik an. Du mußt den Gegner besiegen in dem du ihn bei minimalem Krafteinsatz blockst oder bei maximalem Krafteinsatz angreifst. Daher sind klassische Positionen bei einem Straßenkampf nicht gefragt. Wenn du zum Beispiel einen Tan Sau im Unterricht vorführst, kommt es auf exzellentes Timing und eine saubere Technik an. Auf der Straße kommt es weniger darauf, als auf schnell und effizient ausgeführte Techniken an.

Zwei Wege
Ich glaube, daß Wing Chun Ausbilder ihre Schüler darauf aufmerksam machen sollten, daß es zwei Wege innerhalb des Systems gibt, denen man folgen kann. Dem klassischen und dem der Selbstverteidigung. Es ist sinnlos eine perfekte, klassische Technik zu erlernen und dann zu erwarten, daß sie in der Realität genauso aussieht. Schüler müssen sich im klaren darüber sein, daß Wing Chun leicht variiert, je nachdem wie die andere Person schlägt. Niemand wird dich mit einer einfachen Geraden angreifen. Ein Widersacher auf der Straße kann dich auf viele verschiedene Arten Angreifen, so daß ein Schüler bestimmte Wing Chun Bewegun-gen anpassen muß, wenn er gewinnen will.“

Wai Po Tang
Wai-Po führt fort: „Eine Kunstform wie Wing Chun zu erlernen stellt ein langfristiges Unternehmen dar, weshalb dem Verständnis der Trainingsprinzipien höchste Bedeutung beigemessen werden muß. Wie lang muß man zum Beispiel täglich trainieren und wie lang sollten die Ruhepausen sein. Es macht wenig Sinn zwei oder drei Tage bis zum Umfallen zu trainieren und dann eine Pause von zwei Wochen einzulegen, da dies nicht besonders produktiv sein wird. Es muß ein Tempo gesetzt werden, bei dem der Schüler die fundamentalen Techniken korrekt erlernen kann. Obwohl der von mir unterrichtete Wing Chun Stil leichte Variationen aufweist, treten diese erst im fortgeschrittenen Stadium auf. Am Anfang sind die Basistechniken identisch. Ich finde es auch gut, wenn sich Schüler für die chinesische Kultur und ihre Traditionen interessieren, obwohl ich bei diesem Aspekt nicht so streng bin. Ich überlasse dies jedem Schüler selbst. Ich bin jedoch der Meinung, daß eine Verschmelzung von Kultur, Tradition und Philosophie Hand in Hand, mit dem Erlernen eines chinesischen Kampfsystems, geht.“

Konfrontation
Über die Jahre hinweg hatte Wai-Po mehr Konfrontationen als ihm lieb war. Er erklärt, daß es verschiedene Abschnitte gibt, in die man einen Kampf unterteilen kann, um ihn besser einschätzen zu können: „Es gibt Situationen, die man richtig lesen und somit vermeiden kann. Aber manchmal gibt es Situationen, in denen die Leute nicht auf vernünftige Argumente hören wollen. Es ist als ob man gegen eine Mauer spricht. Du mußt also sofort reagieren. Als ich einmal in Brighton unterwegs war, fingen drei Jugendliche an mich zu beschimpfen und zu beleidigen. Obwohl ich sie ignorierte hörten sie damit nicht auf. Als sie bemerkten, daß mich ihre Worte wenig tangierten, lief einer der Jungen mit fliegenden Fäusten auf mich zu, die anderen beiden waren dicht hinter ihm. Ich schlug den Jungen instinktiv als er mich erreichte und er ging sofort zu Boden. Dies reichte um seine Freunde von etwaigen Attacken abzuschrecken. Ich glaube, daß sie die Geschwindigkeit meiner Reaktion davon abschreckte selbst anzugreifen. Manch einer wäre vielleicht hinter den anderen beiden hergelaufen um ihnen eine Lektion zu erteilen, ich jedoch habe lediglich auf eine Bedrohung reagiert. Ich übernahm die Initiative und schlug zuerst zu, um eine Verletzung zu vermeiden.“
1987 reiste Wai-Po Tang nach Hong Kong und weiter nach Fatshan aufs Festland, um seine Wing Chun Kenntnisse weiter zu vertiefen. Während seines einmonatigen Aufenthaltes in China, besuchte Wai-Po das Canton Athletic Institute. Diese Organisation untersteht der chinesischen Regierung und vereint alle verschiedenen Wing Chun und Kung Fu Disziplinen unter einem Dach. Da es im Augenblick eine große Wiederbelebung der Kampfkünste auf dem chinesischen Festland gibt, haben chinesische Schüler die Möglichkeit, in dem Institut drei Monate lang auf Probe zu leben und täglich zu trainieren. Stellt sich heraus, daß sie gut sind, dürfen sie bleiben. Falls nicht, müssen sie gehen und schaffen so Raum für andere, hochmotivierte Kandidaten. Wai-Po bemerkte, daß der Standard ihres Trainings unglaublich hoch war. Nebenbei bemerkt wurden ihr Essen, ihre Trainingsgebühren, Trainingsanzüge etc. von der Regierung bezahlt.
Unter den vielen verschiedenen Stilrichtungen innerhalb des Institutes befanden sich Crane, Tiger, Wing Chun und Hung Gar. Wai-Po gelang der Zutritt zu dem Institut nur, weil sein Onkel einst der Präsident des Institutes war. Trotzdem durfte er dort keine Fotos machen. Es war während seiner Reisen, daß Wai-Po mit seinem jetzigen Meister, Yui Kil, trainierte. Obwohl der Meister sich von der aktiven Lehre zurückgezogen hatte, machte Wai-Po solch einen Eindruck auf ihn, daß er ihn nicht nur im Wing Chun unterrichtete, sondern ihn auch als einen der wenigen Schüler hinter verschlossenen Türen einweihte. Im nächsten Jahr kehrte Wai-Po nach Fatshan zurück um noch mehr zu trainieren. Er unterhält jetzt eine sehr enge Beziehung zu seinem Meister.

Wai Po Tang
Ein neues Verstaendnis

Lange bevor Wai-Po Tang auszog um die Wurzeln des Wing Chun zu ergründen, hatte er bereits einige Erfahrung mit dem System gesammelt. Doch nun, da er neue Erkenntnisse innerhalb dieser Kampfkunst erlangt hat, fühlt er sich völlig bekehrt. Er erklärt: „Obwohl ich annahm, das System zu kennen habe ich durch mein Training mit Yui Kil entdeckt, daß bestimmten Techniken größere logische Bedeutung beigemessen werden muß als ich bisher annahm. Ich wußte bereits, daß Wing Chun eine sehr effektives Abwehr- und Angriffssystem darstellt, aber es gibt gewisse Elemente die man trotz intensivem Training nicht erkennt – es sei denn man wird darauf aufmerksam gemacht. Ein erfahrener Praktiker benötigt sein ganzes Leben um dies zu entdecken. Mein Meister Yui Kil hat einen Großteil dieser Zeit bereits absolviert und ich bin ihm sehr dankbar, daß er dieses Wissen an mich weitergegeben hat.“

Feine Variationen
Die Variationen und feinen Unterschiede im Wing Chun System erstrecken sich bis zu den Messern, obgleich bei Wai-Pos System keine Schmetterlings- messer sondern beidseitig geschliffene chinesische Kurzschwerter, sogenannte Yee Gee Dol, benutzt werden. Die Stangenform ist jedoch die gleiche. Die größte Betonung bei Wai-Pos Wing Chun System liegt in seiner Einfachheit.
Wai-Pos Kommentar: „Alle Wing Chun Versionen basieren auf sehr direkten Bewegungen. Durch die vielen Generationen von Ausbildern wurden einige Bewegungen komplizierter gestaltet, da Erklärungen zu den einzelnen Abläufen oft nicht verfügbar waren. Daher, um noch einmal auf meine vorherige Aussage zurückzukommen, müssen korrekte Erklärungen zu jeder Technik an die Schüler weitergegeben werden, damit sie genau verstehen, was sie – und warum sie es tun. Für viele Schüler ist Wing Chun sehr verwirrend, obwohl dies gar nicht nötig ist.“

Kampfschule
Wai-Po Tang unterhält heute eine ganztags geöffnete Kampfschule in Brighton. Seine neu entdeckte Richtung innerhalb des Systems, dem er sein Leben gewidmet hat, kann nur die Qualität seiner Lehren verbessern, so daß seine Schüler davon profitieren. Er hat sich selbst auferlegt weiter sorgfältig sein System zu erforschen, welches weitere Reisen nach Asien in den nächsten Jahren bedeutet. In einer relativ kurzen Zeit hat er eine große Gefolgschaft von Schülern geschaffen. Mit Hilfe seiner beiden Ausbilder Tony Marsh und Minh Tuan Vuong wird er schnell zu einer neuen Kraft im britischen Kampfsport. Er ist mit keinem anderen Wing Chun Ausbilder assoziiert. Er hat den Pfad durch seine eigenen Anstrengungen und Hingabe beschritten.

Christine Bannon Rodriguez

Kick 1996/06

 

Dieser Artikel erschien in Kick Ausgabe 06/96, welche im Mai 1996 in den Handel gelangte. Diese Seite dient lediglich als Archiv.

Category: Kung Fu

Tags: ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*