TKD Trainingslager in Seoul

Nach der Kontaktaufnahme zu Herrn Prof. Lee Seung Kook, Technischer Direktor für Taekwondo bei der Hanguk Chadae Universität in Seoul, fand die Teamzusammenstellung und Reiseorganisation statt. Zum Team von Bundestrainer Georg Streif zählten neben dem amtierenden Weltmeister Aziz Acharki (-70 Kilo), Markus Nitschke (-83 Kilo), Marco Scheiterbauer (-76 Kilo, beide Medaillengewinner bei Weltturnieren), Ralf Gützlaif (+83 Kilo), Markus Böschek (~4 Kilo), Markus Konrad (-58 Kilo), Pracha Ladiges (-54 Kilo, alle EM-Teilnehmer 96) sowie die zwei Youngsters Marcel Betz (-64 Kilo, Medaillengewinner der Jugend WM und EM) und Alexander Seethaler (-58 Kilo). Alle erschienen in Top Trainingszustand am Flughafen Frankfurt um den 16 Stundenflug über Paris nach Seoul anzutreten.

TKD Training in Seoul

Georg Streif und Aziz Acharki am TKD-Olympia-Momument vor dem WTF-Hauptquartier in Seoul

Die Organisation in Seoul wurde unterstützt von Udo Mönig, der als Deutschlehrer in Seoul arbeitet, und Herrn Prof. Lee. Die Erfahrung von Marcus Nitschke, der schon mehrere Monate in Seoul verbrachte und, zum Erstaunen Aller, gute Kenntnisse der koreanischen Sprache hatte, kam dem deutschen Team sehr zu Nutzen.
Als Unterkunft wurde eine kleine, preiswerte „Pension,“ unweit der Physical Education Universität, mit Schlafmöglichkeiten auf Reismatten auf dem Boden gewählt. Hier fand auch das diesjährige Trainertreif der erfolgreichsten koreanischen Taekwondo Coaches statt. Von dort aus waren es nur ca. 15 Minuten Fußweg zur erfolgreichsten Sport Universität, bei der alle olympische Sportarten professionell gefördert und betrieben werden. Die große, mit Mattenboden ausgestattete, Taekwondo Halle befand sich neben den Räumlichkeiten der Tischtennis-, Judo-, Ringer-, Feldhockey- und Fechterathleten. Ein etwas konventioneller Kraftraum war im selben Gebäude. Hier konnten einige Olympiamedaillengewinner bei ihrer sehr strengen und disziplinierten Ausbildung beobachtet- und eine Erklärung für die vielen Erfolge bei der letzten Olympiade für die Koreaner gefunden werden. Nach den üblichen Ansprachen und dem Geschenkaustausch begann das erste Training unter der Leitung des 3fachen Weltmeisters Jang Dae Sung, der 1991 in Sindelfingen bei der Veranstaltung aller amtierende Weltmeister gegen die amtierende Europameister einen Showkampf gegen Georg Streif absolvierte. Er gilt als einer der besten Trainer der neuen Generation, bei der die alten Traditionen nicht mehr so stark im Vordergrund stehen und neue Trainingsformen sowie pädagogische Werte ihren Einzug erhalten. Die auffällige asiatische hierarchische Eistufung war jedoch immer noch zu sehen.

Trainingsumfang und Bedingungen: Das Training fand vom Anreisetag bis Abreisetag mit zwei bis drei Einheiten pro Tag bei ca. 30 Grad Hitze und 80% Luftfeuchtigkeit statt. Zwei Tage wurde Ausgleichstraining mit einer Stunde Laufen im Olympiapark und einem Freitraining durchgeführt.
Vormittagstraining: Vormittags trainierte das deutsche Team untereinander ihre individuellen Schwerpunkte und Taktiken aus ihrem Trainingsplan für die anstehende Europameisterschaft sowie das einstudieren der neu gesehenen Kombinationen, während die Koreaner mit Laufübungen ihre Grundlagenausdauer auffrischten. Marcus Nitschke kundschaftete zeitweise andere Schulen für einen Trainingsbesuch aus.
Nachmittagstraining: Nachmittags fand das gemeinsame Training mit dem „Chaedae“ Damen und Herrenteam, dem Seoul City Team, dem Jinru Profiteam und einigen Nationalkämpfern aus Dänemark, z.B. World Games Sieger Abor Haider und Youssef Lharraki, dem anschließendem Finalgegner von Aziz Acharki bei der EM in Helsinki, die im selben Hotel untergebracht waren wie die Deutschen, unter der Leitung von Jang Dae Sung statt. Als Co-Trainer, mit Anweisungen und Übersetzungen für die eigenen Kämpfer, fungierten Chung Kuk Hyun (4-facher Weltmeister, Trainer Profiteam), der City Teamcoach und der deutsche Nationalcoach. Das Training war geprägt durch Standard-, Westen- und Pratzenübungen sowie vielen Sparringsformen.

Sparring mit Vorzeichen für die Zukunft: Interessante, harte und technisch hochwertige Kämpfe waren z. B. zwischen Marco Scheiterbauer und seinem WM-Gegner aus Manila sowie zwischen Aziz Acharki und dem Worldcupsieger aus Rio de Janeiro, an dem der Deutsche Weltmeister nicht teilnehmen konnte, Kwak Taek Yong zu sehen und mit Videoaufzeichnungen zu archivieren. Der Koreaner sollte einige Monate später der Finalgegner von Acharki bei der Militär-WM in Pula werden. Es war eine Augenweide die besten Taekwondo Kämpfer der Welt mit ihren ästhetischen und geschmeidigen Techniken in einem Dojang zu sehen. Am dritten Trainingstag waren 6 Weltmeister, ein Juniorenweltmeister und eine 2fache Weltmeisterin in einem Training gemeinsam aktiv. Ebenso bereiteten sich einige späteren Studenten-Weltmeister in dieser Halle auf das Großereignis vor.





Das Abendtraining wurde als Freitraining für die koreanischen, dänischen und deutschen Kämpfern durchgeführt. Hier fand wieder individuelles Training statt. Die Deutschen konzentrierten sich auf Taktiktraining, Basistraining, Entspannungsübungen und paßten die Intensität wieder ihrem individuellen Leistungsstand an. Teilweise wurde Regenerationstraining durchgeführt. Einige interessante Sparringeinheiten mit den Koreanern und interessante Technikvarianten vor dem Spiegel (Grimassen schneiden) waren ebenfalls zu entdecken.

Wettkampfbesuch und High School Training:
Während die „Chaedaekämpfer“ einen Wettkampf, bei dem das Militär-, die Universitäten- und die Profiteams in verschiedenen Kategorien antraten, außerhalb Seouls besuchten, trainierten die deutschen Kaderkämpfer in der berüchtigten Dong Sung High School, einer christlichen Schule, die früher unter der Leitung von Kim Sei Hyuk (Dytchagi Kim) als die Talent- und Trendschmiede galt. Hier war die Qualität der Kämpfer jedoch nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, jedoch für 13- bis 17-jährige immer noch weit überdurchschnittlich. Dort wird 4-5 Jahre lang mit zwei mal täglichem intensivem Training die Basis für die späteren Uni- und Nationalmannschaftskämpfer gelegt. Dies ist einer der Hauptgründe für die Stärke der koreanischen Kämpfer. Die erfolgreichsten Kämpfer aus den verschiedenen High Schools erhalten anschließend die besten Studiensplätze.

Die Einstellung der deutschen Kämpfer war auch in dieser Schule immer noch optimal. Jedoch waren größere Unterschiede in der Leistungsstärke zu sehen. Vor allem unsere leichten Klassen, die in Deutschland wenig Gegner haben, hatten alle Hände und Füße voll zu tun, um einigermaßen mithalten zu können. Sie zeigten jedoch besten Willen und trotz einiger kleinen Verletzungen (Veilchen, Zerrungen, Hämatome usw.) Durchhaltevermögen und Härte. Das Training war mit vielen Sparringsübungen gekennzeichnet. Die Größe der Koreaner waren vor allem für Pracha Ladiges, Alexander Seethaler, Marcel Betz und Markus Böschek geeignet.

Wettkampf:
Wir hatten das Glück, zwischen unseren Trainingseinheiten, das Militärturnier besuchen zu können. Das Turnier dauerte 4 Tage. Teamsieger wurde unsere Chaedae Universität. Der deutsche Bundestrainer Georg Streif wurde vom Organisator Herrn Fang Young Gab eingeladen und zu einem TV-Interview im SBS-Sender gebeten, bei dem die Olympiade 2000 und die deutsche Einstellung zum modernen Wettkampf Taekwondo das Hauptthema war. Die Kaderkämpfer wurden mehrmals interviewt und fotografiert und waren anschließend in einigen Zeitungen wieder zu finden. Videoaufnahmen der koreanischen Teams im Training und Wettkampf durften natürlich nicht fehlen, da die Militär- Weltmeisterschaft und die Studenten-Weltmeisterschaft noch bevorstanden. Somit waren wir über den Kampfstil der koreanischen Team bestens informiert und konnten zu hause viele Videoanalysen durchführen.

Kulturprogramm: Die wenige Zeit die verblieb, wurde für Besuche im legendären Kukkiwon und ihrem Museum, dem Kyong Bok Palast, dem Seoul Tower und den berühmten Märkten genutzt. Aufgrund des Boxkampfes zwischen Mike Tyson und Bruce Seldon fand der geplante Kulturnachmittag zum Folk Village vor dem Fernseher statt.

Fazit: „Wir kehrten ohne größere Verletzung, mit vielen neuen Impulsen und Erkenntnissen der Koreaner nach Hause. Diese Impulse sollen eine Langzeitwirkung bei den Nationalkämpfern und vor allem deren Umfeld (die leistungsstärksten Vereinen der DTU) habeii>Der verzögerte Trainingseffekt soll sich auch positiv auf die Zukunft auswirken. Wir haben die Stärken und auch Schwächen der Koreaner und ihres Umfeldes gesehen und erlebt. Somit wollen wir uns realistisch einschätzen und unsere etwas beschränkteren Möglichkeiten weiter steigern. Unser Ziel bleibt ein guter Platz zwischen den „Profiteams“ und ein Vorsprung von den „Amateurteams,“ bekundete Bundestrainer Georg Streif. Bei den anschlies-senden internationalen Turnieren (EM, Militär- und Studenten-WM) konnten die deutschen Kader-kämpfer einen EM-Titel und Vize-Militär-WM-Titel von Aziz Acharki, einen Militär-WM-Titel und eine EM-Medaille von Marcus Nitschke, ein Vize-Militär-WM-Titel sowie ein Viertelfinalplatz bei der EM von Marco Scheiter-bauer, ein Viertelfinalplatz bei der EM von Markus Böschek und der Vize-Studenten-WM-Titel von Oliver Knecht erkämpfen. Dies läßt für die Zukunft hoffen und motiviert für die Herausforderung Olympia 2000. Wir wollen uns der Konkurrenz stellen und unser Maximum innerhalb unseren Möglichkeiten erreichen. Für 1997 steht der Worldcup in Kairo, der Europacup in Zagreb und die Weltmeisterschaft in Hong Kong als Highlights auf dem Saisonplan.

Cynthia Rothrock
Dieser Artikel wurde von APA als Mitteilung zur Verfügung gestellt. Publikationstermin: Frühjahr 1997. Ausgabe: KICK 04/1997. Diese Seite dient lediglich als Archiv.

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