Entwicklung statt Nachahmung: Die Geschichte des Top Ten Kopfschutzes

Gibt es einen Kopfschutz, der so häufig im Boxen, Kickboxen und anderen Kontakt-Kampfsportarten getragen wird wie das Top-Ten-Model „Olympia“ ? Nein ?! Was ist denn das Besondere an diesem Schutz, der von zahlreichen Welt-Spitzensportlern bei Wettkämpfen und im Training getragen wird? Wieso hat dieser Helm die alten handgenähten Lederkopfschützer mit Roßhaarfüllung vom Markt verdrängt? Man kann tausend Fragen stellen, und keine Antwort finden, ausser man kennt die Entstehungsgeschichte von Top Ten und die Absichten des Erfinders. Das alles erfahren Sie im folgenden Artikel, exklusiv in KICK – illustrierter Kampfsport.

Die Notwendigkeit, für das Training und den Wettkampf in Kampfsportdisziplinen mit Kontakt, Kopfschützer aufzuziehen, um seine Gesundheit zu schützen, erkannte man vor vielen Jahrzehnten. Während im Boxsport seit langer Zeit Ledermodelle mit Roßhaar- und Wattefüllungen in Gebrauch waren, entwickelten amerikanische Karate- und Taekwondopioniere in den siebziger Jahren neue Formen für Kopfschützer. Diese neuen Modelle bestanden aus lackiertem PU-Material, Schnürungen wurden durch Klettverschlüsse ersetzt. Das Gute an ihnen war die leichte Handhabung, d.h. im Gegensatz zu den klobigen Schützern aus dem Boxen, konnte man mühelos umherspringen, den Kopf drehen und besser sehen. Ausserdem waren sie billig, sowohl in der Herstellung als im Verkauf. Die Entwickler und Hersteller waren in Sportverbänden organisiert, so daß sie die Helme nicht nur an Hochleistungssportler, sondern an die Aktiven aus dem Breitensport verkaufen konnten und so erheblich höhere Stückzahlen erzielten als die Mitbewerber, welche ausschließlich Faustkämpfer belieferten.

Top Ten Material

Das Material BayFlex besteht aus einem Geflecht von offenen Zellen, die durch ihre Elastizität und Strukur starke Kräfte abbauen können ohne zu verschleißen.

Nachteile der Vorgänger
Die neuen Modelle hatten jedoch drei gravierende Nachteile: 1. für harten Kontakt waren sie nur bedingt tauglich, weil die Dämpfungseigenschaften bei hoher Beanspruchung nachließen; 2. das Material riß an empfindlichen Stellen und konnte nicht dauerhaft repariert werden und 3. die Helme verrutschten leicht.

Taube Ohren bei US-Herstellern
Während sich die meisten Hersteller damit beschäftigten, lediglich kleine Details zu verbessern und modische Designs zu entwerfen, forschte ein deutscher Sportschulbesitzer und Turnierveranstalter nach weitgehenden Neuerungen. Seine Vorschläge stießen bei führenden US-Herstellern auf taube Ohren: sie bezogen bei der Preisgestaltung bereits die Kurzlebigkeit ihrer Produkte ein, d.h. sie rechneten damit, daß ihr Produkt nach wenigen Monaten verschlissen war und eine Neuanschaffung für die Sportler nötig wurde. Ein-leuchtend, daß sie ständig das Design ihrer Modelle ändern mußten, um ihre Kunden zu behalten.
Dieser Deutsche – Georg F. Brückner aus Berlin – der maßgeblich mithalf Taekwon-do und Sportkarate in Europa zu verbreiten und später den Kickbox-Weltverband WAKO ins Leben rief, hörte auf, seinen Lieferanten gute Vorschläge zu unterbreiten, und begann, eine eigene Serie von Schutzausrüstungen zu entwickeln.

Von der Heimarbeit zum High-Tech-Equipment
Mit Gipsköpfen und Knetmasse formte er einen Helm, der anatomisch gut saß, und der seiner Ansicht nach alle Voraussetzungen für einen perfekten Kopfschutz erfüllte. Dann suchte er nach ei-nem geeigneten Material, das sowohl leicht als auch besonders energieabsorbierend war, denn der zielstrebige Erfinder sah das Hauptfeld für den Einsatz im neuaufkommenden Vollkontakt-Kickboxen, der Sportart, die er selbst von den USA nach Europa importierte, bzw. hierzulande mit Großveranstaltungen populär machte.

Ideen für den Boxsport
Die Entwicklung des neuen Kopfschutzes zog sich über drei Jahre hin, bis Brückner zusammen mit einem süddeutschen Reifenfabrikanten und später mit dem Kunststoffproduzenten Hübner, Kassel, das richtige Material und geeignete Produktionsmethoden entwickelte. Während dieser Zeit erkannte Brückner durch seine Nachforschungen bei Sport- und Fachärzten, daß genau seine Vorstellungen für einen Kopfschutz im Boxsport angewendet werden können. Das Amateurboxen stand nach tragischen Unfällen und hohen Verletzungsstatistiken ohnehin auf der Abschußliste von Ärzten und dem Internationalen Olympischen Komitee, so daß die Funktionäre des Weltboxverbandes AIBA mehr als dankbar waren, die Entwicklung des Kopfschutzes zu unterstützen.

Serienreife
1983 erreichte der Kopfschutz von TopTen serienreife. Getestet wurde er von führenden Sportlern aus dem Amateurboxen und dem Kickboxen. Die weitere praktische Einführung bei Turniereinsätzen folgte bei deutschen Ranglistenturnieren und der Weltmeisterschaft der WAKO (London, 1983).

Testanforderungen spielend übertroffen
Von da an begann der Siegezug des TopTen Kopfschutzes, der spielend die neuerstellten, harten Prüfungsanforderungen der AIBA-Tests in Bezug auf Schlagabsorbtion und Beständigkeit erreichte und zum Teil um ein Vielfaches überbot. Es war einer der ersten, wenn nicht der erste Kopfschutz, der den Kopf und primär das Gehirn wirklich vor Gefahren schützte. Die ersten Belastungstest der AIBA an der Technischen Universität in Berlin brachten zum Teil erschütternde Ergebnisse: einige der bis dahin führenden Markenkopfschützer versagten bereits nach wenigen Schlägen jegliche Dämpfungseigenschaften. Mit anderen Worten: bis vor rund 10 Jahren hatten Kopfschützer gerademal Alibicharakter. Produkte bekannter Weltmarken schützten nur für Treffer von zwei bis drei Runden und waren dann reif für den Abfalleimer!

Crashtest

Links: Der Boxhandschuh trifft das Dummy mit dem Kopfschutz über 100.000 Mal. Am Material sind keine großen Schäden erkennbar.

Durch Patente geschützt
Das herausragende am TopTen-Kopfschutz sind zwei Punkte:
1. das Design, das vor allem einen festen Sitz und eine gute anatomische Paßform gewährleistet und
2. das Material, das dauerhafte Aufschlagkräfte in hohem Maß absorbiert, ohne daß nennenswerte Verschleißerscheinungen sichtbar oder meßbar werden, zumindest nicht nach 100.000 Belastungen auf ein- und dieselbe Stelle. Während das Design von konkurrierenden Firmen quasi kopiert wird, bestehen zur Zeit in vielen Ländern auf die Herstellungsweise und die Art der Beschaffenheit Patente, die es in den meisten wirtschaftlich starken Ländern verhindern, daß ein Konkurrent das Design und das Material gleichermaßen kopiert. Und selbst, wenn dies aus formell juristischer Perspektive möglich ist, scheitern die Nachahmer an den hohen Kosten für die notwendigen Geräte und Werkzeuge sowie mangelndem Knowhow bei der Herstellung des Materials.

Polyol Kunststoffwerk

Der Ausgangsstoff Polyol lagert in diesen Behältern im Hübner-Werk in Kassel.

Jahrelanges Suchen nach der richtigen Gummi-Mischung
Neben der bahnbrechenden Entwicklung von Georg F. Brückner waren es vor allem zwei Punkte, die dem Kopfschutz aus Sicht der Produktion eine so starke Marktpräsenz ermöglichten. Zum einen wurde nach jahrelanger Forschung eine Rezeptur für das Material gefunden, die laut Herstellungsleiter Christoph Heuser eine gleichbleibende Qualität ermöglichen. Zum anderen wurden die wenigen noch vorhandenen Schwächen behoben. So wurden z.B. die z.T. etwas scharfen Kanten, die beim Pressen der Form entstehen, so verlagert, daß sie nach außen zeigen. Weiterhin wurde das Ohr durch einen zusätzlichen Steg geschützt und an den Öffnungen für die Verschlüsse wurden Verstärkungen angebracht, die von außen nicht zu erkennen sind.

Die richtige Chemie machts möglich
Das Material, aus dem der Kopfschutz hergestellt wird, bezeichnet man als „BayFlex.“ Es setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Polyol, einem Kunststoffgemisch mit Katalysatoren, Farbe und anderen Stoffen und einem Treibgas. Diese beiden Komponenten werden über einen speziellen Mischkopf in eine Leichtmetallform geschossen, wo die Stoffe sich in einer exothermen chemischen Reaktion vereinigen und zur festen Kunststoffmasse erhärten. Bei der Herstellung kommt es zum Erreichen der gewünschten Härte und Elastizität auf das ideale Mischungsverhältnis der Bestandteile, die richtige Temperatur der Form und die sekundengenaue Einhaltung der Reaktionszeit an. Werden diese Bedingungen nicht genau eingehalten, kann es dazu führen, daß die rund 50.000 DM teure Form, die mit einem eigenen Heiz- und Kühlsystem ausgestattet ist, nicht mehr gebraucht werden kann.

Viele Zellen machen das Material felxibel
BayFlex erreicht durch seine Beschaffenheit eine hohe Elastizität, die es ermöglicht, Aufschlagkräfte zu absorbieren und z.T. in Wärme umzuwandeln. Dabei spielt die Struktur des Materials die entscheidende Rolle. Es besteht aus vielen kleinen, rundlichen Zellen, die luftdurchlässig miteinander verbunden sind, wodurch bei einer Belastung (Schlag) ein sanftes Nachgeben des Materials ermöglicht wird. Wären die Zellen geschloßen und nicht luftdurchlässig, würde die Dämpfung allein durch den Widerstand der Luft zurückgehalten werden, was bei extremer Belastung zum „Zurückschlagen“ der nur begrenzt komprimierbaren Luft oder zur Zerstörung des Gewebes führen würde. Da BayFlex an der Außenhaut versiegelt wird, d.h. das Zellgewebe ist in sich luftdurchlässig aber nicht nach außen, entsteht bei der Wegnahme einer Belastung (Schlagrücknahme) ein Vakuumeffekt an der zusammengedrückten Stelle, der dafür sorgt, daß die Luft umgehend zurückströmt und eben diese belastete Stelle augenblicklich wieder widerstandsfähig wird. Andere Anwendungsformen für BayFlex finden sich in der Fahrzeugtechnik, z.B. bei Sitzpolstern, Drehgelenkverkleidungen und Stoßfängern und anderen stark beanspruchten Teilen.

Schweissablauf

Detaillösungen auch innen: Die sichtbare Struktur sorgt für einen Schweißablauf an den Seiten des Gesichts. Sichtbehinderung durch plötzlich triefenden Schweiß bei Stirntreffern sind somit nahezu ausgeschloßen.

Preise produktionsbedingt
Natürlich ist Top Ten trotz hoher Stückzahlen nicht gerade die billigste Marke. Die Preise werden von enormen Entwicklungskosten, laut Hübner GmbH ca. 3 Millionen DM bis zur Serienreife aller Produkte, und den oft beklagten hohen Nebenkosten, die der Industriestandort Deutschland insbesondere durch den hochgeschätzten Umweltschutz nach sich zieht, verursacht. Wenn man daran denkt, daß mit dem Kopfschutz von TopTen in Deutschland Arbeitsplätze geschaffen werden, die Umwelt nur minimal belastet wird und keine Kinder- oder Zwangsarbeit in Dritteweltländern in Anspruch genommen wird, relativiert sich der Aufpreis nicht nur aufgrund der bekannten Qualität und dem besonderen Schutz für die eigene Gesundheit.

Freie Wahl für TopTen
Der Erfolg des Olympia-Models spricht für sich. Obwohl die Wahl der Marke z.B. im Amateurboxen den Kämpfern unter den zugelassenen Modellen freigestellt ist, bevorzugt eine große Zahl der Sportler TopTen. Bei internationalen Turnieren tragen laut AIBA Generalsekretär Karl-Heinz Wehr bis zu 75 % der Spitzensportler die deutsche Marke, die in Europa und Afrika weite Verbreitung findet. Im Kickboxen mußte man in den letzten Jahren lange suchen, um z.B. im WAKO-Verband Kopfschützer anderer Marken zu finden. Soweit Turniere von anderen Ausstattern gesponsert wurden, kam es immer wieder dazu, daß die Sportler den Firmenzug überkleben mußten. Bei der letzten WAKO-Kickboxweltmeisterschaft in Stuttgart konnte der offizielle Sponsor Sport Rhode die Welt-Spitzensportler nicht mit einem eigenen Kopfschutz ausrüsten. Der hessische Budosport-Gigant kaufte die offiziellen Kopfschützer kurzfristig direkt vom Konkurrenten TopTen.

Georg F. Brückner

Erfinder Brückner stellt 1987 seine neuen Top Ten Boxhandschuhe vor.

„Man muß ihn anziehen“
Wie sagte der TopTen-Erfinder Georg F. Brückner zu Lebzeiten: „TopTen kann man nicht beschreiben, man muß ihn anziehen und mit ihm trainieren, um zu wissen, wie gut er ist.“

Details, die nicht jeder kennt
Es ist aber nicht nur das Gefühl beim Tragen, das die Entscheidung für einen Helm erleichtern soll, es sind die vielen Details, die erst dann bemerkbar werden, wenn man ausgiebig trainiert hat und wissenschaftliche Gesichtspunkte berücksichtigt. So hat der TopTen Kopfschutz als einer der ganz wenigen einen Schutz für das Schädeldach und die obere Halswirbelsäule. Dieser Schutz wird bei normalen Treffern nicht benötigt, doch einem K.o.-gegangenen Kämpfer kann diese Polsterung beim besinnungslosen Aufschlag auf den Boden das Leben retten.

Gegen Rabbit Punches
Obgleich „Rabbit Punches,“ beim Infight in den Nacken geschlagene Haken, regelwidrig sind, schützt auch hier dieses zusätzliche Polster vor schweren Verletzungen, denn Treffer mit dieser Zielfläche können Gehirnblutungen an der Schädelbasis verursachen und nachhaltige Gesundheitsschäden auslösen.
Die Polster auf der Schädeldecke schützen vor allem beim Kickboxen und Taekwondo vor Axt-Kicks, auch dies ein schutzwürdiger Teil, der von vielen Herstellern nicht berücksichtigt wird, weil z.B. die AIBA-Norm an dieser Stelle eine Polsterung nicht vorschreibt.

Heute wird der Top Ten Kopfschutz in den USA in verschiedenen Formen und Farben durch die Mail Order Firma Fighters Inc. vertrieben: Top Ten Headguard.

Christine Bannon Rodriguez

 

Dieser Bericht erschien in der Ausgabe 06 / 1996. Fotos: Archiv Deubner, Brückner, Budoland GmbH, Hayashi GmbH, Hübner GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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