Die Fumio Demura Story

Fumio Demura Karate

Mit dieser Vorführung begeisterte Fumio Demura 1973 die Zuschauer bei der Martial Arts Expo in der Los Angeles Sports Arena.

Amerikas erster Karate Showman

Als Jugendlicher war Meister Fumio Demura so schüchtern, daß er nicht sprechen konnte, ohne zu stottern. Auf Grund dieser Tatsache und seiner körperlichen Schwäche fiel er bei seiner ersten Weißgurtprüfung durch. Heute gilt er als der erste professionelle Kampfkunst-Unterhalter und als einer der besten Techniker der Welt. Hier seine provokative Geschichte:

Ein Spitzentechniker, ein Kampfkünstler, ein dynamischer Showmann, der Sensei schlechthin – diese und andere Bezeichnungen der Superlative werden mit dem Karate-Meister Fumio Demura aus Santa Ana in Kalifornien gleichgesetzt. Er zählt vor allem zu den besten Lehrern und Waffen-Experten Amerikas. Für viele hochgraduierte Schwarzgurte ist er die letzte Instanz – warum? Weil er und seine Gruppe bereits seit 1969 etliche Tausend Vorführungen an verschiedenen bekannten Touristenattraktionen Amerikas gegeben haben. Darüber hinaus war Meister Demura der erste professionelle Karateka in Amerika, wenn nicht auf der ganzen Welt. Er war der erste, der Licht, Musik, Kostüme und Schauspielerei mit Kampfkunstdemonstrationen verknüpft hat. Vor seinen Veränderungen beinhalteten Karate-Demos nur Bruchtests und langweilige Selbstverteidigungs-Vorführungen. Meister Demura brachte die Kampfkünste ins Showgeschäft ein.
Meister Demuras Karate- und Samurai-Shows beinhalten Humor, aber es ist trotz allem seine exzellente Karate-Basis, die die Zuschauer von den Stühlen reißt. Sein Markenzeichen sind sein unheimlich präziser Fauststoß und sein Front-Kick, den er seinen Gegnern ans Kinn setzt. Dies ist die klassische Pose, mit der Demura in Verbindung gebracht wird. Und sie begeisterte die Leute so sehr, daß sie mehr Nachahmer fand als Elvis Presley in der Musik-Industrie. Allerdings erreichen sie nicht einmal annähernd das Niveau von Demura. Seine Vorführungen bescherten ihm Einladungen nach Kanada, Mexico, Honduras, Guatemala, Frankreich, Deutschland, England und in den berühmten Budokan in Japan. In Kampfkunstkreisen ist Fumio Demura mindestens ebenso bekannt für die etlichen Bücher, die er über Selbstverteidigung und okinawanische Waffenkampfkunst geschrieben hat.



Ein schwaches Kind
Demura kam 1940 in Yokohama/ Japan zur Welt. Sein Vater, ein Seidenimporteur, schickte ihn ins Kendo-Training unter Meister Asano, der auch Karate unterrichtete. Sein Vater hatte für Karate nicht viel übrig, hielt aber viel von Kendo und Judo. Der junge Fumio bekam so seinen ersten Einblick in die Kampfkünste. Als Asano die Stadt verließ, nahm Demura Unterricht bei Ryusho Sakagami, der heute noch sein Lehrer ist. Er lernte bei ihm Shito Ryu Karate und Iai-Do. Weder Karate, noch Kendo oder Iai-Do fiel Demura anfangs leicht – kaum zu glauben, wenn man heute sein ausgezeichnetes Niveau sieht.

Bruce Lee with Paul Newman

Fumio zusammen mit Bruce Lee und Paul Newman

Training in Japan
Damals war das Training sehr hart, weil wir sehr viel Basis geübt ha-ben. Ich habe drei mal in der Woche trainiert, fünf Stunden am Tag. Oft kam ich erst nach Mitternacht nach Hause. Kurz nachdem er an die Universität kam, lernte Demura den legendären Kenshin Taira kennen, einen Lehrer für Kongou-Ryu-Kobudo. “Er unterrichtete mich in all den traditionellen Waffen”, sagt Demura, “und er hat viele Kampfkünstler beeinflußt, weil er viel gereist ist”.

Frühe Rückschläge
1961 nahm Demura erstmals an einem Karate-Turnier teil und wurde sogleich All-Japan-Karate-Champion. Das war das erste Turnier, bei dem Shotokan-, Guju-Ryu-, Wado-Ryu- und Shito-Ryu-Stilisten aufeinandertrafen. “Alle Großen waren da”, erinnert sich Demura: “Mikami, Kanazawa, Yoshitake und Kotaka. Ich war sehr nervös, da ich nur einmal an einem kleineren Turnier teilgenommen hatte”. Bei seiner ersten Gürtelprüfung ging es ihm nicht anders, denn, wie er heute zugibt, ist er einmal bei seiner Weißgurtprüfung durchgefallen. “Das hat mich dann so geärgert, daß ich mir Ziele gesetzt habe, und die habe ich dann erreicht. Heute bin ich froh darüber, denn so habe ich viel gelernt.” Nachdem er das große Turnier gewonnen hatte, reiste er oft nach Okinawa, um dort bei Chosin Chibana zu trainieren.

Karate Fumio Demura

Fumio Demura bei einer seinen Demos (Mitte)

Ein folgenreiches Treffen
1963 trat Demura bei einer Gala auf, in deren Rahmen die bekanntesten Meister ihr Können zeigten. Einer der Zuschauer war Dan Ivan, der mit Demuras Freund Don Draeger befreundet war. “Als ich Demura sah, dachte ich, das ist der schnellste Karateka, den ich je gesehen habe. Don machte uns miteinander bekannt, und so begann unsere Freundschaft”, erinnert sich Ivan. Doch was war der Unterschied zwischen Demura und den anderen Meistern? Dan Ivan: “Es waren dieselben Punkte, die ihn heute auszeichnen: Seine Kraft, seine Präzision…, Man sieht, sobald er sich bewegt, daß er ein ausgezeichneter Karateka ist. Das hat mich damals beeindruckt. Er ist so vielseitig: Formen, Waffen, Kampf. Ich habe damals viele Karateka gesehen, aber keiner kam an ihn `ran.” Ivan begann sodann, regelmäßig unter Demura zu trainieren.

All Japan Karate Champion Demura

1961: Fumio Demura präsentiert die Siegertrophäe der All Japan Championships

Amerika
Selbst als Dan Ivan Demura nach Amerika einlud, um dort ständig Karate zu unterrichten, dachte er noch nicht daran, hauptberuflich zu unterrichten. “Ich hätte nie gedacht, daß ich vom Karate leben könnte”, sagt er. “Selbst während der ersten Jahre in Amerika habe ich nicht daran gedacht. Ich ging zurück nach Japan und kam dann wieder nach Amerika. Dann entschloß ich mich dazu, hauptberuflich zu unterrichten.” Der Rest ist Geschichte. Demura und Ivan hielten ihre Partnerschaft 20 Jahre lang aufrecht. Sie trennten sich erst, als Ivan eine eigene Filmgesellschaft gründete. Ab dem Moment, in dem die beiden sich zusammentaten, blühte das Geschäft. 300 aktive Schüler trainierten in ihrem Central-Dojo in Santa Ana im sonnigen Kalifornien. Sie hatten mehr als 20 Dojos in Kalifornien und Filialen in ganz Amerika.

Kulturschock
Meister Demuras Übersiedlung in die Vereinigten Staaten brachte auch Probleme mit sich: Neben den Schwierigkeiten, sich der neuen Kultur anzupassen, hatte er mit der englischen Sprache zu Kämpfen. “Ich lag zwei Tage lang heulend im Bett, weil es so schwer war, mit anderen zu kommunizieren. Selbst heute finde ich nicht immer die richtigen Worte”, gibt er zu. Doch etwas fiel ihm leicht: Das zu tun, was er am besten konnte: Karate. Dadurch wurde er in der gesamten amerikanischen Szene bekannt. Dan Ivan erzählt, wie es dazu kam: “Einer unserer Danträger arbeitete in einem Freizeitpark. Die suchten Leute für neue Vorführungen. Und so machten wir dort jedes Wochenende unsere Show.”

Kritiker und Neider
“Natürlich hatten wir auch Kritiker, die sagten, wir würden die Kampfkünste mißbrauchen. Heute würde kein Hahn danach krähen, aber damals war das etwas anderes”, erklärt Ivan. Diese Shows waren die ersten in Amerika, die professionell aufgezogen waren. Es wurde Licht und Musik verwendet, und durch Kostüme und Schauspielerei wurde das angereichert, was sonst nur eine normale Karate-Vorführung gewesen währe. Und dann kam ein Wendepunkt im Leben des Senseis: “1970 kam meine Mutter nach Amerika und sah meine Vorführung. Ich bekam viel Applaus und meine Mutter war begeistert. Sie gab mir noch mehr Selbstbewußtsein. Nachdem wir uns unterhalten hatten, wurde mir klar: Wenn du von den Leuten Geld nimmst, mußt du ihnen etwas dafür geben. Als Entertainer muß ich also eine gute Show machen. Und es scheint den Leuten zu gefallen, denn sonst würden sie nicht wieder kommen und bezahlen. Das gab mir viel Selbstbewußtsein”, sagt er heute.

TJ Roberts mit F. Demura

Demura arbeitet mit dem Nachwuchs: Hier mit T.J. Roberts

Kritiker verstummen
Nachdem Demura auch bei den Weltmeisterschaften der WUKO 1975 in Long Beach sein Können demonstriert hatte, verstummten die Kritiker. Sie hatten verstanden, daß es ihm lediglich darum ging, gutes Karate zu präsentieren. Demura und seine Gruppe hat über die Jahre hinweg sicher mehr Zuschauer erreicht als jeder seiner Nachahmer. Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, den Einfluß, den diese Demonstrationen auf die Entwicklung der Kampfkünste in der westlichen Welt hatten, richtig einzuschätzen. Wieviele Menschen mit dem Karate begonnen haben, nur weil sie Fumio Demura in Aktion gesehen haben, ist kaum zu schätzen. “Karate war immer gut für uns”, meint Dan Ivan, “weil wir so viel Zeit investiert haben. Vielleicht hat es sich nicht so ausgezahlt, wie ein anderes Geschäft, aber es lief ganz gut. Wir haben das Kapital, das wir über die Jahre angehäuft haben, ganz gut angelegt, vor allem im Immobilien- bereich. Daher steht Meister Demura recht gut da. Er ist finanziell unabhängig, er könnte also mit seiner Arbeit aufhören, wenn er wollte. Aber da sieht man seine Hingabe: Obwohl er es eigentlich nicht nötig hätte, unterrichtet er 99 Prozent seiner Kurse selbst. Kein anderer Lehrer mit diesem Status unterrichtet so viel oder ist noch so aktiv. Die meisten haben aufgehört oder die Arbeit an ihre Schüler delegiert”, meint Dan Ivan.

Eric Lee Cover

Ausgabe 07/1995 mit Eric Lee


Diese Reportage war einer der Leitartikel in der KICKillu Ausgabe Juli 1995.
Fotos: Archiv Demura

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