Die Stuntschule

Hermann Joha

Chef-Ausbilder Hermann Joha erklärt die Ausbildungswege zum Profi-Stuntman, bzw. Stuntwoman

Wer kennt sie nicht, die Fernsehserie “Ein Colt für alle Fälle”? Zur Erinnerung: Der Stuntman Colt Seavers (gespielt von Lee Majors) erlebt mit seinem eigenwilligen Partner Howie und einer hübschen Blondine allerlei Aufregendes in seinem Zweitjob als Kopfgeldjäger. Im Hauptberuf verdient “Colt” seine Brötchen als Stuntman, kann seine Erfahrungen aus diesem Metier auch immer wieder bei der Jagd auf die Ganoven einsetzen. Eben diesen Job des “Colt Seavers” macht in deutschen TV-Produktionen unter anderem das Team der Düsseldorfer Stuntschule “Action Concept” um Begründer und Chef-Ausbilder Hermann Joha, der gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Roger Scholz, Matthias Barsch, Stefan Richter und Tanja de Wendt auch immer wieder hoffnungsvolle Nachwuchstalente sucht und für die Arbeit in bestimmten Situationen ausbildet. KICK besuchte die Stuntleute in Düsseldorf bei einem Informationsnachmittag, bei dem Interessierten “Nachwuchsstuntleuten” Einblick in das Training und die Ausbildung gegeben wurde.

Hauptsache: Volljährig
Grundsätzlich gilt: Jeder oder jede interessierte, der (die) das 18. Lebensjahr erreicht hat, bzw. eine Einverständniserklärung eines Erziehungsberechtigten vorweisen kann, dazu noch die allgemeine Schulpflicht erfüllt und die nötigen körperlichen Voraussetzungen mitbringt, kann sich als Stuntman oder Stuntwoman ausbilden lassen, wobei sich die Ausbildung durchaus auf vier und mehr Jahre erstrecken kann. “Das liegt aber vor allem daran, daß die Einheiten am Wochenende gemacht werden, sodaß jeder, der sich zur Ausbildung bei uns entschließt, auch gleichzeitig seinen derzeitigen Beruf weiterhin ausüben kann” erläutert Stuntfrau Tanja de Wendt. Die einzige Frau im fünfköpfigen Team hat es bereits bis an die Spitze geschafft. Im Zuge der fernsehtechnischen Gleichberechtigung kamen auch immer mehr Frauen in die Hauptrollen – somit müssen immer mehr Frauen gedoubelt werden.

ac-matte

Dabei sind es nicht immer die vermeintlich spektakulären Stunts, die von den Stuntleuten übernommen werden. Zwar doubelte Tanja de Wendt auch schon die “Tatort”-Kommissarin Ulrike Folkerts in einer nicht ungefährlichen Szene, sprang in der Vorspann-Szene der wöchentlichen RTL-Serie “Die Wache” von einem mehrstöckigen Hochhaus, doch auch kleinere, “bodenständige” Stürze hat sie in ihrem Repertoire. “In einer Szene sollte Inge Meysel von einem Auto geschnitten werden, dabei leicht wanken und letztlich vor Schreck umfallen”, erinnert sich Tanja de Wendt, “das wäre jedoch für eine Frau in ihrem Alter unter unglücklichen Umständen schon zu gefährlich gewesen, die Möglichkeit einer Verletzung war zu groß.” Denn in der Filmindustrie gilt: Den Hauptdarstellern soll nach Möglichkeit nichts passieren, ein paar Tage Drehpause aufgrund eines kleinen Malheurs in solch einer oder ähnlichen Szene kostet bereits eine kleine Stange Geld. Und weil die eigene Gesundheit für die Stuntleute eine übergeordnete Stellung besitzt, sind sie keineswegs nur die draufgängerischen, verwegenen Typen, die keinerlei Gefahren scheuen und ohne Netz und doppelten Boden wilde Verfolgungsjagden inszenieren, aus mehreren Metern Höhe auf nackten Asphalt springen und an Fassaden herumklettern, als gäbe es dabei kein Risiko. “Unsere Aufgabe besteht darin, mit der Gefahr zu arbeiten, und so viele Risikoquellen wie möglich von vornherein auszuschalten,” unterbinden die Ausbilder von Anfang an waghalsige Manöver der Neueinsteiger, die sich Mitte Januar im “Schnupperkurs” eine eigene Meinung gebildet haben. Körperliche Fitneß ist eine weitere Voraussetzung, ansonsten gibt es keinerlei Größenbeschränkungen. “Schauspieler sind ja auch unterschiedlich groß oder dick, sodaß auch solche Stuntleute gute Einsatzchancen besitzen,” erläutert Tanja de Wendt, gibt danach einen kurzen Einblick in die bevorstehenden Trainingseinheiten: Stürze aus mehreren Metern Höhe (in eine dicke Schaumstoffmatte), Treppenstürze nach einer kurzen Schlägerei, Abrollen nach Aufprall auf eine fahrendes Fahrzeug (in diesem Fall ebenfalls gepolstert) und dazu ein erstes Fahrertraining mit Schleuderlehrgang auf zwei PS-starken BMW-Boliden. Im Anschluß daran erklärt Hermann Joha die Perspektiven der Ausbildung, die zunächst in vier Blöcken absolviert wird.

Guter Leistungsstand
“Wer rund zwei Drittel der Ausbildungszeit mitmacht, der wird schon einen geeigneten Ausbildungsstand erhalten,” meint Joha zu der Möglichkeit, auch mal das eine oder andere Wochenende daheim zu bleiben. Denn viele der Interessenten kommen nicht aus dem Großraum Düsseldorf, haben somit erhebliche Anfahrtszeiten in Kauf zu nehmen. Hinzu kommen die Ausbildungskosten, die sich auf 200 Mark pro Monat belaufen. “Dafür bekommt Ihr bei Eignung schon bald die Möglichkeit, als Komparse Euch einen Teil des Geldes wieder zu verdienen,” verspricht Joha, der desöfteren von den Produktionsfirmen auf geeignete Komparsen angesprochen wird.

Düsseldorfer Stuntschule

Das Team der Düsseldorfer Stuntschule (v.l.n.r.):
Stefan Richter, Matthias Barsch, Tanja de Wendt, Roger Scholz und Hermann Joha (sitzend)

Geld durch Können
Die Stuntman-Situation in Deutschland schätzt Joha wie folgt ein: “Es gibt ungefähr 500 Leute, die sich Stuntman nennen, davon üben aber nur 150 ihren Job wirklich profihaft aus und höchstens fünfzig verdienen letztlich durch ihr Können auch wirklich gutes Geld.” Wer ebenfalls dahin kommen will, muß vorerst am Ende eines jeden Ausbildungsblockes einen Test zu den bisherigen Inhalten absolvieren, der jedoch gegebenenfalls wiederholt werden kann. Ziel der Grundstufenausbildung ist es die Qualifikation zum Actiondarsteller zu erlangen, welche wiederum zur Teilnahme an der Hauptstufe berechtigt. Bis dahin werden anhand der aktuellen Actionfilme die betreffenden Szenen analysiert, werden Special-Effects zum Thema Feuer behandelt, werden Drehorte besucht, wird die ausländische Stuntszene durchleuchtet und werden Seiltricks sowie Schleudertechniken bei Film und Fernsehen erprobt.

Vorsprung inklusive
Durch die Vielseitigkeit ist diese Rundum-Ausbildung auch für den Einstieg in andere Bereiche des Fern-sehens nützlich, kann den entscheidenden Vorsprung beinhalten. Die Einblicke in die Vorgehensweise des Fernsehens, in die unterschiedlichen Schnittechniken und den Aufbau der verwendbaren Special-Effects sind auch für Kameraleute und -assistenten sowie Beteiligte an der Aufnahmeleitung von besonderem Interesse.

Irre viel Spaß
Von den 70 “Schnupperkurs”-Teilnehmern füllten die meisten noch vor Ort ihr Anmeldeformular aus, wollen von nun an ihr Glück in der Möglichkeit suchen, Actiondarsteller werden zu können. “Das war wirklich eine super Sache und hat irre viel Spaß gemacht,” sprach Francisco Guerreiro (21) aus Unna allen Teilnehmern im Anschluß an das Seminar aus dem Herzen. Auch er hofft, in ein bis zwei Jahren mit der Ausbildung beginnen zu können, derzeit fehlt dem Kampfsportler einfach noch die nötige Zeit.

Wer Interesse an weiteren Informationen zum Thema “Stunt(wo)man – Ausbildung” hat, der kann direkt an die Stuntschule schreiben.

action conceptDie Adresse lautet:

Stuntschule Düsseldorf
Postfach 10 31 26
40 201 Düsseldorf

Ernie Reyes

Kick 1995 Ausgabe 05

KICK berichtete in Ausgabe 05/1995 über Action Concept. Text: Tobias Drews. Der Verfasser ist ein bekannter Journalist. Er leitet u.a. den Bombus Verlag mit vielen lesenswerten Buchtiteln.

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