Danny Bill

Europa gegen Thailand 1995

Dany Bille Muay Thai fighter

Dany Bill (l.) machte dem Thai mit harten Kopfkicks zu schaffen.

Große Galaveranstaltungen, das kennt man in Österreich kaum. Nachdem er 12 Jahre in Thailand lebte und trainierte, will der Wiener Sportschulbesitzer Wilhelm Wokurka das Thaiboxen in der Alpenrepublik ganz nach oben bringen. Seine erste Gala fand als Open Air statt – das Budget lag bei drei Millionen Schilling. Hauptattraktion: Thailand gegen Europa und Fights mit den Lokalmatadoren Pawlak und Hinterseer.

In Frankreich, Holland und England gab es etliche Vergleichskämpfe zwischen Europäern und Thailändern im Muay Thai, andere Länder hielten sich in diesem Kräftemessen zurück. Und wenn woanders solche Vergleiche angestellt wurden, dann waren es vornehmlich Fighter aus den erstgenannten Nationen, die gegen die Thais in das Ringgeviert kletterten. In Teeskirchen, südlich von Wien, sah es Ende August auf dem Freigelände des ÖAMTC nicht anders aus.

Bomben Show
Nachdem tagsüber zahlreiche Freizeitaktivitäten wie Hubschrauberflüge, Fahrersicherheitstraining und Konzerte auf dem Programm standen, fieberten die rund 1.300 Zuschauer, die Kämpfer und vor allem der Veranstalter Wilhelm Wokurka dem Beginn der angesetzten Kämpfe entgegen. Je näher der erste Rundengong rückte, umso schlechter sah das Wetter aus. Starke Winde und eine dichte Bewölkung veranlaßten auch die Zuschauer auf den billigen Plätzen sich kurz vor Beginn der Gala in das VIP-Zelt zurückzuziehen. Pünktlich zum geplanten Veranstaltungsbeginn fielen dann auch Regentropfen auf den Ring und die Regenschirme der Zuschauer, die sich nicht mehr rechtzeitig ins überfüllte Zelt der Ehrengäste retten konnten. Doch, der Veranstalter wird erleichtert aufgeatmet haben, die Tropfen blieben vorerst die einzigen, der Rest der Veranstaltung verlief trocken.

Muay Thai

Kassriouri (l.) überraschte Ahanpa mit harten, spektakulären Kicks.

Fünf WM-Fights
Der neue Weltverband WPKL aus Holland führte Aufsicht über die ersten fünf Kämpfe, die allesamt im Rahmen des Vergleiches als Weltmeisterschaften ausgekämpft wurden. Den ersten Fight dominierte der Thailänder Kuklit Sona-yayram mit seinen Ellbogenchecks und gegen Ende mit soliden Körperkicks. In seinem 104ten Kampf errang er über den Holländer Ahmed Gouane seinen 70sten Sieg. Dem zweiten Holländer, Dak aus dem Ommoord Gym in Rotterdam, ging es ähnlich. Er kämpfte zu verhalten, um den Thai zu gefährden, und unterlag nach Punkten.
Der dritte Fight brachte die ersten kämpferischen Höhepunkte der Veranstaltung. Der Holländer Jerry Morris dominierte in diesem Fight vor allem mit seinen hervoragenden boxerischen Kombinations Fähigkeiten das Geschehen. In der dritten und vierten Runde brachte er den jungen Thai ein um das andere Mal in starke Bedrängnis. Der Thai hat teilweise nur noch im Clinch seine Rettung gesucht. Seine gefürchteten Kniestöße konnte er lediglich in der fünften und letzen Runde anbringen. Beim Verlesen des Urteils gab es die große Überraschung: Der Thai wurde mit 2:1 Richterstimmen zum Punktsieger erklärt, enttäuschte Pfiffe und Buhrufe kamen aus dem zum Großteil unkundigen Publikum.

Eigenwillige Regelauslegung
Als unkundig mußten sich schließlich auch so manche Fachleute von den Offiziellen hinstellen lassen. Die in die Kritik geratenen Verbandsvertreter erklärten, daß die zaghaften Kniestoßversuche des Thais im Clinch streng nach den Regeln höher bewertet wurden als die knallharten Boxtechniken von Morris, die beinahe zu einer vorzeitigen Entscheidung geführt hätten. „Man kann ja nicht alles wissen,“ wird sich Morris nach dem Fight gesagt haben.

Niederlage für Thai
Die erste Niederlage der Thais folgte schließlich in Kampf Nummer vier. Der Franzose Dany Bill überraschte seinen thailändischen Kontrahenten mit zahlreichen Kicks zum Kopf und sauberen Boxkombinationen. Sakmuang hatte trotz 135 bestrittener Kämpfe nicht die Möglichkeit, dem Franzosen standzuhalten. Der 23-jährige Bill, der schon viele andere hochkarätige Fighter besiegte, die z.B. gegen Ramon Dekker gewannen, erreichte einen deutlichen Punktsieg über einen ratlos wirkenden Thailänder.

Dany Bill

Der Franzose Dany Bill war der beste Fighter des Abends. Er siegte deutlich.

Harte Back-Kicks
Der letzte Fight der WM-Serie sah ein äußerst spannendes Gefecht. Gegenüberstanden sich der Holländer Kassriouri aus Amsterdam und Tanjy Poahanpa. Der Holländer traf den Thai mehrmals mit knallharten gedrechten Sprungkicks zum Körper, die ihn mit voller Wucht zurückschleuderten. Der junge Holländer setzte den Thai bis zum Ende der dritten Runde derart stark unter Druck, daß man kaum noch an einen Sieg des Thais denken konnte. Der Thai merkt dies, wirft seinen Mundschutz nach einem schweren Treffer zur Seite und versucht zu retten, was zu retten ist. In der vierten Runde setzt er trotz eines Cuts den Holländer unter Druck, gewinnt den vorletzten Durchgang mit hauchdünnem Vorsprung. In der letzten Runde dominiert der Thai den Fight mit Clinch und Knietechniken. Nach dem deutlichen Rückstand aus den ersten drei Runden hätte der Thai jedoch kaum die Chance auf einen Punktsieges haben dürfen. Und wieder mußten sich Fachleute und Zuschauer durch die Punktrichter überraschen lassen: Der Kampf wurde unentschieden gewertet.

Franky Pawlak

Franky Pawlaks (r.) Generalprobe für den WM-Fight glückte nach Punkten.

Pawlak kämpft wie ein “Flash”
Nach weiteren Rahmenkämpfen ging es dann auf die beiden Hauptkämpfe mit den Lokalmatadoren zu. Zunächst stieg der polnischstämmige Weltergewichtler Franky „Flash“ Pawlak gecoacht von Franz Haberl in den Ring. Über fünf Runden soll nach Kickboxregeln mit Lowkicks gefightet werden, doch der holländische Kontrahent legt gleich mit Knietechniken los. Nach zwei ernsthaften Ermahnungen durch den Kampfrichter akzeptiert er dann die für ihn ungewohnten Regeln. Pawlak glänzt jetzt mit seinem aggressiven, technisch versierten Kampfstil. Er attackiert oft mit Drehkicks zum Kopf, punktet mit harten Lowkicks und so manchen harten rechten Boxhieben. Am Ende der fünf Runden geht Pawlak als deutlicher Punktsieger aus dem Gefecht hervor. Für ihn ist die Generalprobe zu seinem WKA Weltmeisterschaftskampf am 30. September gegen den amtierenden Champion Eval Denton aus England geglückt.

Ronny Hinterseer enttäuschte. Coach Wokurkas Betreuung blieb ohne Erfolg.

Dilemma für Ronny Hinterseer
Weniger glücklich ist der Kampfverlauf für Ronny Hinterseer aus Linz im letzten Kampf der Veranstaltung. Hinterseer erleidet gegen den eckig kämpfenden Belgier Kurt de Pauw eine blamable Niederlage. Dabei zerbricht der Österreicher diesmal nicht an der Dominanz seines Gegners, sondern mehr an sich selbst. Er sucht nur den Clinch, versucht seinen Gegner zu werfen, und findet sich am Ende selbst am Boden wieder. Nicht allzu selten wirft er sich nach einem mißglückten Clinchversuch vor seinen Gegner auf den Boden, um ihn mit einem Griff um die Knie fest an sich zu drücken um weitere Aktionen zu ersticken. Nach zahlreichen harten Kopftreffern, die ihn mehrmals zu Boden senden, ist die Enttäuschung groß, als Hinterseer überdeutlich nach Punkten unterliegt. Wenige Wochen zuvor hatte er noch einen großartigen Fight gegen Kash „The Flash“ Gill geliefert, dieser deutliche Leistungseinbruch war einfach unerklärlich. Bei allen anderen Niederlagen, die er bislang gegen gute Leute erlitten hatte, lieferte er zumindest einen guten, sehenswerten Kampf. Doch unter freiem Himmel hat es bei ihm nicht funktioniert. Vielleicht hat er einfach nur einen schlechten Tag erwischt. Seine letzte Chance, zu zeigen, daß er doch im internationalen Spitzenfeld um Titel mitmischen kann, soll er am 11. November in Wien erhalten. Dann veranstaltet Wilhelm Wokurka in einer 3.000 Mann-fassenden Großraum-Diskothek seine nächste große Galaveranstaltung in der Hauptstadt.

Kurz nach Mitternacht verließen die letzten Zuschauer das Gelände, mittlerweile war es nicht nur sehr frisch, sondern eher frostig. Knapp zwei Stunden später gingen starke Schauer nieder, als ob Petrus um das Risiko einer Open-Air-Kickboxgala gewußt hätte, und seine Wolken bis zum Gehtnichtmehr zurückgehalten hatte. Übrigens: Die attraktiven Rundengirls aus dem Nobelnachtclub Beverly Hills hatten bereits nach dem dritten Kampf ihre Bikinis gegen Mäntel eingetauscht und das Anzeigen der Runden einer wärmer angezogenen Kollegin überlassen. Mal sehn, wer sich am 11. November wärmer anziehen muß: Die Rundengirls oder Ronny Hinterseer. Die Zuschauer dürfen sich allemal auf eine heiße Show freuen, denn Topfighter aus ganz Europa sollen wieder um internationale Titel streiten.

Willy Wokurka

Willy Wokurka

Kurzporträt: Veranstalter Willi Wokurka
An den Rest der Welt
Über zwölf Jahre lebte der 37jährige Österreicher, der zuvor seine Brötchen bei der Seefahrt verdiente, in Thailand. Dort begann er mit dem Thaiboxen, bestritt nach eigenen Angaben zahllose Kämpfe an verschiedenen Orten im Land. In die Alpenrepublik zurückgekehrt hat er sich vorgenommen seinen Lieblingssport vom stiefmütterlichen Dasein zu befreien. Seine großen Veranstaltungen – nächstes Jahr soll ein Fight mit Amerikanern folgen – sind nur ein Teil seines Plans. Der andere Plan umfaßt die Etablierung einer landesweiten Sportschulkette. Die erste Kämpferschmiede hat er in Kottingbrunn eröffnet, neue Schulen sollen in Wien, Graz und in Tirol folgen.

Kick Joe Lewis

KICK 12/95 mit Joe Lewis

Diese Reportage erschien in Ausgabe 12/95, der ersten vollfarbigen Ausgabe der Kick Illustrierten. Es war ein exklusiver Beitrag des Chef-Rekakteurs.

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