Reylson Gracie

Bodenkampf BJJ

Unterricht mit Reylson Gracie in Las Vegas

Tun uns die Herausforderungen gut ?

In den letzten Jahren hat kein anderer Kampfsport für soviel Aufsehen gesorgt wie das brasilianische Jiu-Jitsu der Gracie Familie. Die ersten internationalen Auftritte scheinen heute in einer technischen Neuorientierung zu gipfeln. Man erreichte das auf zwei Ebenen: 1. durch persönliche Herausforderungen, Mann gegen Mann, Stil gegen Stil. 2. durch Siege bei den populären und kontroversen „Ulimate Fighting Championships,“ die über Pay-TV und Videos in aller Welt bekannt wurden. Reylson Gracie über die spektakulären Kämpfe seiner Familie. Von John Bishop.


Den größten Verdienst tragen dabei Rorion Gracie und seine Brüder, die in Torrance, einem Vorort von Los Angeles leben. Obwohl man das Jiu-Jitsu der Gracies seit über 25 Jahren in den USA kennt, war es erst Rorion, der die „Gracie Challenges“ in den letzten Jahren bekannt machte. Nicht alle Familienmitglieder stimmen diesen Herausforderungen zu. Reylson Gracie, der drittälteste Sohn des legendären Familienvaters Carlso, ist einer davon. Der 53-jährige Reylson Gracie unterrichtet in Las Vegas als der Senior-Instruktor des Familienclans. Ihm wurde von der „Federation of Jiu Jitsu de Rio“, des brasilianischen Verbandes für Gracie Jiu Jitsu, der 9. Dangrad verliehen. Im folgenden Interview erzählt er mehr über das Jiu Jitsu der Gracies, die Herausforderungen und sein Sicht über die Zukunft des Systems.

KICK: Können sie die Debatte, wer das Gracie Jiu Jitsu begründet hat, beenden?

PortraitIn Brasilien gibt es darüber keine Diskussionen, weil jeder Kampfsportler das System der Gracies kennt. In Amerika und Europa kennt man uns erst seit wenigen Jahren. Durch einige Mitglieder meiner Familie gibt es jetzt einige Verwirrung. Mein Vater, Carlos Gracie, war der einzige Begründer des Gracie Jiu Jitsu. Er starb (1994) im Alter von 92 Jahren. Er war der erste Mann, der Jiu Jitsu in Brasilien unterrichtete. Er lernte das Jiu Jitsu von einem Freund der Familie, Mitsuo Maeda Koma. Koma war ein ehemaliger Jiu Jitsu Weltmeister, der durch den Kaiser von Japan eine hohe Amtsfunktion erhielt. Er kontrollierte im 19. Jahrhundert die Auswanderungen von Japan nach Brasilien. Mein Vater war gerade ein Teenager als Koma ihn ab 1918 das Jiu Jitsu beibrachte. Mein Onkel Helio war damals nur sechs Jahre alt. Er war der jüngste der vier Brüder meines Vaters und der letzte Bruder, den mein Vater unterrichtete.

KICK: Sie haben sich der abweisend über die Challenges der Gracies in den USA geäußert. Warum ?


Um meine Abneigung zu begründen, muß ich ihnen einige Hintergrundinformationen geben. Als die erste Herausforderung durch meinen Vater vor rund 70 Jahren ausgesprochen wurde, geschah dies aus Notwendigkeit. Jiu Jitsu war in Brasilien als Kampfsport völlig unbekannt und viele Anhänger der anderen Systeme beleidigten uns. Sie müssen dabei verstehen, daß in meiner Heimat die Ehre eines Mannes und seine Selbstachtung zwei der höchsten Werte darstellen.

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Um die Effektivität des Gracie Jiu-Jitsu unter Beweis zu stellen, lud mein Vater Kampfsportler aller anderen Systeme zu einer Herausforderung ein. Wir haben dabei keine bestimmten Leute angesprochen. Wir haben nur gesagt, daß wir bereit sind unser System mit anderen zu messen. Es ist eine Tatsache, daß wir ab diesem Punkt niemand mehr herausfordern mußten: Alle kamen zu uns, um uns herauszufordern. Einige kamen sogar aus Japan. Als wir die Effektivität unseres Systems bewiesen hatten, verloren die Herausforderungen an Bedeutung. In Wahrheit wurden solche Challenges nur noch von verstoßenen Schülern unserer Schule ausgesprochen, deren Selbsteinschätzung weit über ihrem Können angesiedelt war.
Mein Vater vertrat die Meinung, daß die Unterwerfung eines anderen Kämpfers keinen Wert hatte. Er glaubte daran, daß man in der Lage sein sollte, sich selbst und seine Würde durch gute, starke Techniken verteidigen zu können. Das ist der Grund dafür, warum mein Bruder Carley, der seit über 25 Jahren in den USA unterrichtet, niemals jemand herausgefordert hat. Ich kann mich daran erinnern, daß Helio für den Fall, daß er und seine Söhne in die USA auswandern, ihm versprechen mußte, „keinen Amerikanern blutige Gesichter zu schlagen.“ Obwohl meine Cousins das System sehr populär machten und viel Geld durch das Ausweiten der Challenges verdient haben, meine ich, daß es auf lange Sicht dem System in Amerika schadet.

KICK: Wie sollen die Siege bei Herausforderungskämpfen und der „Ultimate Fighting Championships“ (UFC) dem Stil schaden?

Erstens, weil die Pay-per-view TV-Show von meinem Cousin Royce Gracie gewonnen wurden. Royce benahm sich stets wie ein Gentleman als er über seine Herausforderer sprach. Er besiegte sie mit guten, sauberen Jiu-Jitsu Techniken. Er hat nie versucht, jemand wirklich zu besiegen oder ihn zu verletzen. Als die Wettkämpfe neu aufgelegt wurden, hatte er größere und gemeinere Gegner. Es wurde blutig und am Boden liegende Kämpfer wurden getreten und verletzt. Andere Veranstalter kamen auf den Plan und es gab plötzlich viele andere Wettkämpfe ähnlicher Art außerhalb der UFC. Als nächstes gingen alle Veranstalter nach Brasilien, um nach potentiellen Teilnehmern für ihre Shows zu suchen.
In Brasilien gibt es knapp 200 Mitglieder der Gracie Familie, die Jiu-Jitsu betreiben. Einige können sich den Versprechungen der geldgierigen Veranstalter nicht erwehren. Sie sehen nur den möglichen Ruhm und das Geld, mit dem sie in die Staaten gelockt werden. Jetzt sind diese Wettkämpfe nur dazu da, daß Kampfsportler verletzt werden. Sie werden dadurch beleidigt, allein im Namen des Geldes. Ich meine, daß die Gracies dadurch zu einem Ziel degradiert werden, das jeder treffen will. Man sieht uns nicht mehr als Menschen, die Kampfsport mit anderen teilen wollen.

KICK: War es der Wunsch ihres Vaters, das System auf diese Weise weit zu verbreiten?

Nein. Mein Vater wollte nur, daß es weltweit an Männer, Frauen und Kinder weitergereicht wird. Er lehrte die Traditionen, die er von meister Koma erlernt hatte. Er war der Auffassung, daß das Training im Jiu-Jitsu, das Leben erleichtern soll. Den Wettkampf bewertete er so wie eine Versicherung, die einen für den Ernstfall absichert, obwohl man hofft, sie nie in Anspruch nehmen zu müssen. Die Challenge-Kämpfe gefallen mir nicht, weil man uns in der Öffentlichkeit mehr als Straßenkämpfer statt als Kampfsportler porträtiert. Ich Frage mich ernsthaft, ob zivilisierte Leute ihre Kinder in eine Gracie-Schule bringen, nachdem sie einen dieser Kämpfe gesehen haben?

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KICK: Es gibt jetzt viele Schulen, die als Dojos für brasilianisches Jiu Jitsu die Türen öffnen. Hat es einen Bezug zum System der Gracies?

Es gibt kein brasilianisches Jiu-Jitsu. Wenn sie sich diese Lehrer anschauen, werden sie sehen, daß sie in einer Akademie der Gracies gelernt haben. Ein gutes Beispiel sind die Machados. Sind sind Blutsverwandte der Familie und die lernten von den Gracies. Man muß bedenken, daß jeder, der – besonders in Südkalifornien – den Namen Gracie Jiu Jitsu benutz, von meinem Cousin Rorion verklagt wird. Ich selbst wurde verklagt, als ich meinen eigenen Namen für meine Akademie in Corona Del Mar, Kalifornien, benutzte. So findet man das Gracie System heute unter vielen anderen Bezeichnungen.

KICK: Wie verbreitet sich das System der Gracies?

In Brasilien gibt es über 250.000 Menschen, die aktiv Gracie Jiu Jitsu betreiben. In den USA gibt es vielleicht erst 500 Leute, die den Grundkurs des Systems vollendet haben. Insgesamt dürften es noch nicht einmal 2.000 Menschen sein, die bislang im Gracie Jiu Jitsu unterrichtet wurden. Das ist nicht sehr erfreulich für ein System, das bereits über 25 Jahre in diesem land unterrichtet wird. Genau das wollte mein Vater nicht. Er wußte, daß es nicht genug Gracies gibt, um das System über die ganze Welt zu verbreiten. Seinem Gefühl nach sollten wir andere Menschen in anderen Ländern suchen, die das System an ihre eigenen Landsleute weiterreichen.

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KICK: Gibt es ihrer Meinung nach noch andere Gründe, warum sich das System nicht weiter verbreitet?

Ein Ausspruch von Rorion, der sagt, es dauert zehn Jahre um den Schwarzgurt zu erlangen, trägt dazu bei. Obwohl es klar macht, daß die Anforderungen unseres Systems sehr hoch sind, verringert es unsere Chancen, neue Schüler zu rekrutieren. Ich meine, daß viele Leute davon abgeschreckt werden, wenn sie zehn Jahre trainieren müssen, um bis zum Schwarzgurt zu kommen.

KICK: Ist es nicht richtig? Wie lange dauert es nun, um in ihrem System den Schwarzen Gürtel zu erreichen?

Es stimmt nicht ganz. Sie müssen wissen, daß Gracie Jiu-Jitsu traditionell nur im Privatunterricht weitergegeben wurde. Wenn jemand nur eine Stunde pro Woche nahm, brauchte er zehn Jahre. Wenn jemand aber fünfmal die Woche mehrere Stunden trainiert, kann er den Schwarzgurt durchaus in zweieinhalb oder drei Jahren erreichen. Wer zweimal die Woche trainiert, wird gut fünf Jahre dafür brauchen. Natürlich sind das nur Durchschnittswerte, die durch Unterschiede in physischen und mentalen Eigenschaften abweichen können.

Reylson Gracie

Über den Wert des Schwarzgurts im Brazilian Jiu-Jitsu

KICK: Was wünschen sie dem Gracie Jiu-Jitsu in Amerika und dem Rest der Welt für die Zukunft?

Ich fühle ähnlich wie mein Vater. Ich möchte sehen, daß sich das Gracie Jiu-Jitsu um die ganze Welt verbreitet, besonders in Amerika. Ich will Männer, Frauen und Kinder aus allen Gesellschafts- und Altersschichten das System lernen. Mein Vater hat nie die Forderung aufgestellt, daß wir das einzig wahre System betreiben und Sportler anderer Systeme zu uns überwechseln sollen. Wir denken jedoch, daß wir ein sehr starkes System vorweisen können, das effektive Selbstverteidigung zusammen mit den Tugenden der Martial Arts unterrichtet. Wenn wir über Sportler anderer Stile sprechen, meinen wir, ihnen Techniken beibringen zu können, mit denen sie ihre Fähigkeiten verbessern können. Das Teilen dieses Wissens ist ein wichtiger Teil eines jeden Kampfsporttrainings. Mein Vater übernahm z.B. Techniken aus den Boxen um sein Jiu-Jitsu stärker zu machen. Ich will damit sagen, daß wir aufhören andere herauszufordern und beginnen, ihnen etwas beizubringen.

kick-9706John Bishop führte dieses interessante Interview für ‚Kick – illustrierter Kampfsport‚ Ausgabe 06/1997.

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