Profiboxen 1995

Das Aufeinandertreffen der beiden Profiboxer Maske und Rocchigiani ist für den 27. Mai terminiert und wird in der Dortmunder Westfalenhalle über die Bühne gehen. Was an diesem Kampf so besonders ist? Ganz einfach: Knapp drei Tage nach Bekanntwerden des Superkampfes, waren bereits alle 11.000 Karten vergriffen, die Halle ist restlos ausverkauft. “Am Samstag vorher war so ziemlich alles klar,” erinnert sich Matchmaker Jean-Marcel Nartz, “und als ich am Montag wieder ins Büro kam, dachte ich, mich trifft der Schlag.” Denn da stapelten sich neben zahllosen Faxanfragen auch jede Menge Briefe und Blankoschecks. Alle wollten nur eines: Karten für das Boxereignis des Jahres.

Und das, obwohl der Kölner Privatsender RTL das Spektakel live übertragen wird, und mit einem neuen Einschaltquoten-Rekord hoffen darf. Denn der ehemalige Amateurstar der Ex-DDR, der Olympiasieger, Weltmeister und Serien-Landesmeister der Amateure avancierte zum totalen Medienstar. Schauten beim letzten Maske-Kampf, im Februar in Frankfurt am Main, gegen den Kanadier Egerton Marcus (Punktsieg nach 12 Runden) noch satte zwölf Millionen gebannt zu, wie Maske den bis dato stärksten Herausforderer und an Nummer eins in der Rangliste plazierten in dessen Schranken verwies, rechnet RTL Sportchef Burkhard Weber im Mai mit 15 Millionen an den TV-Bildschirmen.

Neuer Rekord wird erwartet
Das würde einen Marktanteil von sicher weit über 50 Prozent bedeuten. Oder anders ausgedrückt: Knapp jeder fünfte Deutsche – wenn man diejenigen abzieht, die noch nicht oder nicht sehen können – säße zur Zeit des Kampfes vor dem Fernseher und schaut sich an, wie entweder Maske gewinnt, oder Rocky die Sensation eines Sieges zu seinen Gunsten vollbringt. Nicht zuletzt deshalb, weil hier zwei Faustkämpfer aufeinander treffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist vom Kampf “Gut” (Maske) gegen “Böse” (Rocky) die Rede, vom Kampf des “Gentleman” gegen das “Biest”. Vom Kampf des Saubermannes, der von sich behaupten darf, den Boxsport wieder gesellschaftsfähig gemacht zu haben, sich vom Rotlichtmillieu distanziert. Und in der anderen Ecke Rocchigiani, der desöfteren mit dem Gesetz in Konflikt kam, wegen versuchtem Menschenhandel, Körperverletzung und anderen Delikten vor den Kadi zitiert worden war.

Der beste Deutsche Boxer wird ermittelt
Und es ist nicht zuletzt auch der Kampf zweier Deutscher, die beide, jeder auf seine Art, viel für das Profiboxen getan haben. Maske, seit 1993 IBF-Weltmeister im Halbschwergewicht und Rocchigiani, der 1988 Weltmeister im Supermittelgewicht nach IBF-Version geworden war. Seine Regentschaft fällt noch in eine Zeit, in der Weltmeisterschaftskämpfe noch über 15 Runden ausgeboxt wurden und nicht, wie seit einiger Zeit üblich, nur noch über 12. Außerdem wurde “Rocky” 1991 Europameister im Halbschwergewicht, gab den ersten Titel wegen Gewichtsproblemen zurück, der zweite folgte Ende 1991 nach einmaliger Verteidigung gegen den Engländer Crawford Ashley.

Kreuzvergleiche
Beide gewannen übrigens ihre Titel in der Düsseldorfer Phillipshalle – da hätte das Aufeinandertreffen eigentlich auch an diesem Ort stattfinden müssen. Doch diese Arena bietet nicht genug Platz für die vielen Fans, die sich dieses Ereignis live und vor Ort anschauen wollen, daher wurde die größere Halle in Dortmund ausgewählt.

Gerichtsstreit mit Kohl
Pikant im Vorfeld war die Trennung Rocchigianis von seinem Manager Klaus-Peter Kohl (Hamburg), der mit allen Mitteln den Kampf gegen Maske verhindern wollte. “Rocky hat gegen Maske keine Chance”, meinte Kohl, wollte lieber einen neuen Kampf gegen WBO-Champion Chris Eubank oder dessen Nachfolger Steve Collins. Kohl machte Rocky ein Angebot, von dem er sagte, “das kann Rocky garnicht ablehnen”. Doch der konnte, trotz der genannten Traumsumme von immerhin 4,1 Millionen Deutschen Mark. Die sollte er, Rocky, für fünf Weltmeisterschafts-Kämpfe bekommen. Immer vorausgesetzt, er würde den Titel gegen den amtierenden WBO-Weltmeister im Supermittelgewicht gewinnen, ihn danach viermal erfolgreich verteidigen können. Doch Rocky lehnte, zur großen Überraschung Kohls ab, kündigte den noch bis Ende des Jahres laufenden Kontrakt, unterschrieb kurzerhand den Kampfvertrag bei Maske-Manager und Kohl-Rivalen Wilfried Sauerland.

Millionengagen
Für den Kampf gegen Maske bekommt er eine Bruttobörse von einer Million Mark (Maske 1,5 Millionen), kann, wenn er den Favoriten Maske entthront im Rückkampf und den folgenden Titelverteidigungen mehr verdienen, als die gebotenen 4,1 Millionen. Kohl schickte daraufhin eine Einstweilige Verfügung, in der er seinem ehemaligen Schützling den Kampf gegen Maske noch verbieten wollte. Dieser Antrag wurde jedoch Ende März vom Berliner Landgericht abgeschmettert. Doch Kohl will noch lange nicht locker lassen: “Das war ja nicht die letzte Instanz”. Schließlich will Kohl einige Märker Schadenersatz vom Berliner fordern, weil ihm durch den Rocky-Abgang auch finanzieller Schaden entstehe. Neben den Manager-Prozenten auch noch den möglichen Gewinn, wenn Kohl seinerseits die oben genannten Kämpfe oder auch das Duell mit Maske veranstaltet hätte. Wenn der Rechtsstreit durch alle Instanzen gehen sollte, wird die letzte Entscheidung, ob Rocky den Kampf gegen Maske ohne die Zustimmung seines (Ex-) Managers hätte bestreiten dürfen, erst nach dem Kampf gefällt werden können. Denn dann kann es bis zu drei Jahren dauern, ehe der gültige Richterspruch gefällt wird. Doch bis dahin freuen sich alle Boxfans, das es zum Megakampf auf deutschem Boden kommt, daß so lange hat auf sich warten lassen.

Text: Tobias Drews
Fotos: PAD, Globus

Am 4. März kämpfte in der Wiener Lugner City Österreichs derzeitiger, einziger Klasseboxer Harry Geier im Zuge eines Internationalen Boxmeeting. Veranstalter war das Geier Boxteam sowie Peter Pospichal mit seinem Boxteam Vienna. Die perfekte Organisation zeigte, daß man im österreichischen Profiboxen an Pospichal nicht vorbei kommt.

Aber nicht allein Geier galt die Medienpräsenz, sondern der Karlsruherin Regina Halmich aus dem Profistall von Jürgen Lutz. Als amtierende Europameistern in der “Womens international Boxing Federation” (WIBF) bestritt sie einen 6 Runden Boxkampf gegen die Portugiesin und fünfte der Weltrangliste Paula Moreira. Dieser erste Damenboxkampf in Österreich hatte im Vorfeld ein Medienecho, wie es sich andere Sportarten nur wünschen können.

Großer Medienrummel
Durchaus seriöse Analysen und Bild-berichte sowie Meinungen von mehr oder weniger qualifizierten “Fachleu-ten” waren bereits Tage vorher in der Wiener Presse zu finden. Da speziell in Wien die WKA Kickboxszene sehr stark vertreten ist, wurde Halmich von den Journalisten als Kickboxerin identifiziert. Neben dem Staatlichen ORG war auch das Privatfernsehen mit PRO 7 und Premiere vertreten.

Wirbelwind aus Karlsruhe
Der Kampf selbst hielt dann leider nur wenig von dem, was er im vorhinein versprochen hatte, da Regina wie ein Wirbelwind über die arme Portugiesin hinwegbrauste. Als Nummer fünf der Weltrangliste zeigte Moreira nur in den ersten Sekunden, was sie vielleicht tun wollte, aber der Druck von Regina war dermaßen stark, daß sich die Portugiesin oft nur durch Abdrehen oder Flucht aus der Affäre ziehen konnte. Mit einem Wort, Moreira war als Gegenerin für den blonden Wirbelwind aus Karlsruhe einfach um drei Nummern zu klein. Klar war das einstimmige Punkteurteil nach 6 Runden zu Gunsten von Regina Halmich.
Das Publikum erkannte durchaus, daß das Damenboxen ein seriöser Sport ist, und wie von gut informierten Quellen zu erfahren war, ist ein bekannter Wiener Boxmäzen und Baumeister als Sponsor für Regina im Gespräch.

Geier mit neuem Fallobst
Den zweiten Hauptkampf des Abends bestritt der Wiener Neustädter Harry Geier gegen den US Boy Quincy Pratt von den Bahamas. Dieser Kampf war auf 10 Runden im Superbantam (55,338 kg, WBO) angesetzt. Geier, der durch sein schnelles KO gegen den WBO Weltmeister Daniel Jimenez aus allen Titelträumen erwachte, mußte Pratt klar und eindeutig schlagen, um weiter die Chance an einem Retourkampf gegen Jimenez zu wahren. In der Vorbereitungszeit hatte Geier in Hamburg mit dem US Trainer Chuck Talhami trainiert, der bereits mehrere Weltmeister formte.
Neuer Titelkampf? Geier wurde immer hinter der vorgehaltenen Hand nachgesagt, daß er nur gegen “handverlesene” Boxer gewinnen könne. Sein Rekord von nunmehr 25 Kämpfen, davon 23 Siege, 1 Unentschieden und eben die eine Niederlage gegen Jimenez sind durchaus gut.

Zum Kampfverlauf
Die erste Runde des Fights zeichnete sich durch Nervosität von Geier aus und außer dem üblichen gegenseitigen Abtasten passierte wenig. Bereits ab der zweiten Runde versuchte Geier aus der Distanz mit Jabs zu punkten und den Ami nicht in den Infight zu lassen. Nur zeitweise ließ Pratt Klasse aufblitzen, und er versuchte seinerseits, mit blitzschnellen Attacken Geier zu überraschen. Auch Runde drei verlief ähnlich und Pratt war zu passiv, während Geier ständig aus der Distanz punktete. Runde vier war Geiers beste Runde. Der Ami war nach einem guten Haken angeknockt, rettete sich in die Pause. In den nächsten Runden zeigte sich das gleiche Bild. Ab hier war der Punktesieg Geiers klar, nur ein KO konnte den Sieg des Österreichers gefährden.
Der einstimmige Punktesieg von Geier geht in Ordnung, aber glänzen konnte er nur selten. Letztlich hat er sein Plansoll erfüllt. Bis Herbst sind noch einige Kämpfe geplant, und wenn alles gut geht, soll es einen neuen Titelkampf geben.

Text und Foto: Josef Kurta

Mit einem K.o-Sieg nach 1.05 Minuten der zweiten Runde vor 7.600 Zuschauern in der ausverkauften Kölner Sporthalle verteidigte WBO-Weltmeister Dariusz Michalczewski (78.8 kg) seinen Titel im Halbschwergewicht am 11. März zum erstenmal erfolgreich.

Dariusz Michalczewski hatte den WBOTitel im Halbschwergewicht im vergangenen September in Hamburg mit einem Punktsieg über den damaligen Titelträger Leeonzer Barber (USA) gewonnen, danach auch im Dezember den Cruisergewichtstitel in seine Sammlung geholt. Diesen Titel gab wenige Tage später wieder ab, verteigte nun seinen Halbschweren Titel zum erstenmal gegen den Spanier Roberto Dominguez. Der Kampf war, trotz seiner Kürze, an Dramatik kaum zu überbieten, denn nach einem Aufwärtshaken von Dominguez (78,3 kg) mußte Michalczewski in der ersten Runde zu Boden. Da lag die Sensation in der Luft, schien der Herausforderer dem Sieg näher zu sein, als der hohe Favorit Michalczewski. Doch der “Tiger” überstand die brenzlige Situation am Ende der Eröffnungsrunde, hielt sich mit der steifen Führhand den nun seine Chance suchenden Spanier vom Leibe. Auch das Donnerwetter des Trainergespanns Chuck Talhami und Fritz Sdunek schien in der zweiten Runde nicht sofort gewirkt zu haben: wieder mußte Dariusz harte Treffer einsteckte, taumelte wiederum an die Seile. Nun hielt es die meisten Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen: “Tiger, Tiger”-Rufe begleiteten von nun an das Geschehen im Ring, öffneten dem Champion wohl endlich die Augen. Denn nach den Wirkungstreffern des an Nummer zehn in der WBO-Rangliste plazierten Galiziers, zeigte Michalczewski, aus welchen Holz echte Champions geschnitzt sein müßen.

Ein echter Champion
Mit einer katzenhaften Meidbewegung und einem hervorragend getimten linken Haken zum Kopf, beendete Michalczewski seine erste Titelverteidigung und seinen 26. Kampf als Profi nach gut einer Minute in der zweiten Runde siegreich, schraubte dabei seinen Rekord auf 23 vorzeitige Erfolge. Der Spanier lag bewegungslos im Ring, unfähig weiterzuboxen oder überhaupt aufzustehen. “Das war der besten linke Haken, den ich in meiner Karriere überhaupt gesehen habe,” war Ringrichter Genaro Rodriguez (USA) vom Ende des Kampfes beeindruckt. Keine Frage: dieser linke Haken, der so plaziert und mit voller Kraft ins Ziel kam, hätte wohl jeden Halbschwergewichtler in ernsthafte Bedrängnis kommen lassen. “Ich habe heute wohl Tag und Nacht verwechselt,” meinte Michalczewski zu der für ihn ungewohnten Situation am Ringboden, “und dann hat Dominguez mit dem Aufwärtshaken “Guten Morgen” zu mir gesagt.”

Kitschiger Walk-in
Der Einmarsch des Hamburgers, der als Amateur in der 1. Bundesliga für die Staffel von Bayer Leverkusen auf Punktejagd gegangen ist, wurde vom Privatsender “Premiere” weltmeisterlich zelebriert und nach Spanien und Polen live übertragen. In einer käfigähnlichen Gondel “flog” der Tiger auf einer 66 Meter langen Schiene und in zehn Metern Höhe zur Musik der Popgruppe Survivor “Eye of the Tiger” in die Halle ein, lief nur die letzten 15 Meter zu Fuß in den Ring. Doch das ungewöhnliche “Walk In”, das diesmal eher ein “Fly In” war, sei aber nicht der Grund für seine Unkonzentriertheit zu Beginn des Kampfes gewesen.

Voll erwischt
“Ich bin im Kampfverlauf zuvor bereits zweimal solchen Aufwärtshaken ausgewichen, dann beim drittenmal voll erwischt worden,” ärgerte sich Dariusz über einen “Anfängerfehler”, “ich hätte besser aufpassen müßen, nicht so blind in den Mann gehen”.

Rasche Umstellung
Verantwortlich für die schnelle Gene-sung seien die taktischen Anweisungen gewesen, die US-Trainer Chuck Talhami ihm in der Rundenpause lautstark mitgeteilt habe. Glück hatte Michalczewski dennoch: Dominguez fehlte die Erfahrung, nach dem Niederschlag und nach einem weiteren Wirkungstreffer zu Beginn des zweiten Durchganges konsequent genug nachzusetzen. “Man hat gesehen, daß wir auf der richtigen Schiene fahren, wenn wir jungen und noch hungrigen Leuten die Chance auf einen Titelkampf geben,” atmete Kohl nach dem Happy-End auf, “der Kampf war sensationell und hat trotz der Kürze das gesamte Auf und Ab des Boxens beinhaltet.”

Neue Titelverteidigung
Die zweite Titelverteidigung Michalczewskis ist für den 20. Mai anberaumt, wird wieder in Hamburg über die Bühne gehen. Der Gegner in der Alsterdorfer Sporthalle wird der 26 Jahre alte Paul Carlo aus den USA sein. Der Rechtsausleger aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri hat einen Kampfrekord von bislang 20 Kämpfen mit 17 Siegen, ein Kampf endete ohne Entscheidung.
Für die Kampfvorbereitung flog Michalczewski Anfang April in ein Trainingslager nach Miami/ Florida, will sich dort den Feinschliff für die nächste Verteidigung holen. Manager Klaus-Peter Kohl will mit seinem Schützling eine “Tour de Germany” veranstalten, ihn in verschiedenen deutschen Arenen dem Boxpublikum präsentieren. Denn Michalczewski soll populärer werden, seinen Stellenwert erhöhen. Hintergrund ist die Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes, nach der Michalczewski nur an dritter Stelle der bekanntesten deutschen Profi-Boxer rangiert.

Bekanntheitsgrad: Tiger weit hinter Maske
Das Ergebnis dieser Umfrage, die vor der Titelverteidung gegen Dominguez veröffentlicht wurde, ist eindeutig: den IBF-Weltmeister im Halbschwergewicht, Henry Maske kennen 86 Prozent, Graciano Rocchigiani ist immerhin noch 37 Prozent ein Begriff, aber der Name Michalczewski, war nur elf Prozent der befragten Personen bekannt. Für einen Weltmeister in einer der wichtigen Gewichtsklassen ein sicherlich unhaltbarer Zustand, der sich laut Kohl jedoch bald ändern wird.

Erster Fanclub gegründet
In punkto Volksnähe ist Michalczewski jedenfalls stark. Beim Gründungstreffen des 1. überregionalen “Tiger”-Fanclubs in Übach-Palenberg, ließ sich Michalczewski feiern und erfüllte alle Autogrammwünsche seiner vielen Verehrer.

Text: Tobias Drews

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